Integration von Eltern mit Migrationshintergrund
Recht & Verwaltung20 September, 2021

So gelingt Integration von Eltern mit Migrationshintergrund

von Jutta Häuselmann

Wir sind alle aus lauter Flicken und Fetzten so kunterbunt unförmlich zusammengestückt, dass jeder Lappen jeden Augenblick sein eigenes Spiel treibt. Und es findet sich ebenso viel Verschiedenheit zwischen uns und uns selber wie zwischen uns und anderen.
Michel de Montaigne

Kulturelle Vielfalt bereichert eine Gesellschaft. Das gilt insbesondere auch für Baden-Württemberg. Hier ist der Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund in den letzten Jahren stetig gestiegen. Studien zeigen, dass Familien mit Migrationshintergrund häufiger von Armut bedroht sind und zugleich weniger am gesellschaftlichen Zusammenleben teilnehmen.

Ohne Zweifel gehört Migration zu einem großen Thema, das uns heute und wohl auch noch einige Jahrzehnte vordringlich herausfordern wird. Nur wenn die bereits zugewanderten und die künftig zuwandernden Menschen im Zuwanderungsland Deutschland eine neue Heimat finden, wird Integration gelingen. Die Literatur unterscheidet vier verschiedene Wanderungsgruppen, die sich in Deutschland aufhalten: Gastarbeiter, Aussiedler und Spätaussiedler, Flüchtlinge und Illegale. Im Folgenden werden diese Begriffe synonym mit dem Begriff des Migranten bezeichnet, da sich auf Grund des langen Aufenthaltes im Ursprungsland in der Regel eine ähnliche Problemkonstellation ergibt. »Migration bezeichnet als Oberbegriff den Wanderungsprozess von Einzelnen und Gruppen über nationale Grenzen hinweg«. (Mulot, 2007, S. 648). Der Komplex Migration und Integration ist mit vielen Problemen behaftet. Allerdings entwickeln sich in unserem Land zunehmend migrationspolitische Überzeugungen und integrationsförderliche Konzepte, die Hoffnung machen. Es kommt immer mehr in den Blick, welche besonderen Chancen und wieviel brachliegendes Potential mit den Migrant*innen verbunden sind. Integration wird zunehmend als Prozess gegenseitigen Gebens und Nehmens verstanden: mit Bring- und Holschuld bei Migrant*innen und Inländern gleichermaßen und ist eine prozesshafte Entwicklung, die in verschiedenen Stadien verläuft. Oberg (1960) teilt in seinem Modell Integration in vier verschiedene Phasen ein, wobei die unterschiedlichen Stadien unterschiedlich lange andauern können, da es sich bei Integration um eine sehr individuelle Entwicklung handelt. 1996 ergänzte Wagner diese Phasen um eine fünfte (vgl. Wagner, 2008). Generell ist bei beiden Stufenmodellen davon auszugehen, dass Personen, die bereits Auslandserfahrung sammeln konnten, die Stadien eher positiv durchlaufen können. Ebenso scheint der Prozess leichter zu sein, wenn Kontaktpersonen in der Fremdkultur vorhanden sind. Der Verlauf des Prozesses wird aber auch davon beeinflusst, ob das Individuum freiwillig oder unfreiwillig das Herkunftsland verlassen hat (vgl. Thomas, 2005).

Modell der Integration

1. Phase: Euphorie

Die Person ist aus dem Herkunftsland in das Zielland gereist und empfindet Begeisterung. Sie ist mit Neuem konfrontiert. Kultur, Sprache, aber auch das Wert- und Orientierungssystem ist gegensätzlich zum Herkunftsland. Das Orientierungssystem bedient sich aber nach wie vor der Werte und Normen der Eigenkultur. All diese neuen Erfahrungen werden vom Individuum zunächst als positiv bewertet. Die Person ist vom neuen Land begeistert (vgl. Wagner, 2008).

2. Phase: Entfremdung

Die zweite Phase ist geprägt von Orientierungsproblemen. Die Person ist nun schon seit einiger Zeit im Zielland und muss feststellen, dass Werte und Normen, die man in der Herkunftskultur erlernt hat, im Zielland nicht mehr anwendbar sind. Die Person erlebt soziale Situationen, die ihr auf Grund ihrer Herkunft fremd sind, die sie nicht verstehen kann. Es kommt zu kritischen Interaktionen. Das eigene erlernte Wertesystem verliert nun an Bedeutung, da das Individuum erkennt, dass dies in der neuen Kultur nicht gilt. Trotzdem kann es aber den Orientierungsrahmen des Ziellandes noch nicht werten. Dies führt zu Abwehrreaktionen gegenüber der Fremdkultur. Das Individuum befindet sich nun im Zwiespalt und kann nicht mehr einordnen, welchen Orientierungsrahmen es jetzt gebrauchen will. Dies kann zur Abwehrreaktion gegen die ganze Nation führen (vgl. Wagner, 2008).

3. Phase: Eskalation

In der dritten Phase eskaliert der in Phase zwei entstandene Konflikt. Das Individuum idealisiert die eigene Kultur und lehnt die Fremdkultur mit ihrem Werte- und Normensystem ab. Es kommt zu Schuldzuschreibungen an die fremde Kultur. Die interkulturelle Kompetenz erreicht in dieser Stufe ihren Tiefpunkt. Es entsteht Heimweh. Um sich aber in eine neue Kultur einzuleben, muss diese Stufe überwunden werden. Doch nicht alle Individuen können diese Phase der Eskalation bewältigen. In diesen Fällen kann es zu psychosomatischen Krankheiten, ebenso wie zum Suizid, kommen (vgl. Wagner, 2008).

4. Phase: Missverständnisse

Während in der Phase der Eskalation alle Handlungen der Fremdkultur abwertend zur Kenntnis genommen wurden, versucht man nun, die Fremdkultur zu verstehen. Man unterstellt, dass auch das Gegenüber gute Gründe für sein Handeln hat und versucht, diese zu verstehen. Konfliktsituationen interpretiert man nicht mehr als Böswilligkeit, sondern als Missverständnis. Es entsteht Toleranz und Humor gegenüber dem Handeln der anderen Seite (vgl. Wagner, 2008).

5. Phase: Verständigung

In der Phase der Akkulturation findet das Individuum zu einem ausgewogenen Verhältnis zwischen Herkunftsland und Zielland. Es versucht, die Wertvorstellungen der eigenen Kultur mit den Wertvorstellungen der Fremdkultur zu verbinden und anzupassen. Auf intellektueller Ebene findet eine Identifikation mit der neuen Kultur statt. Dabei wird eine Synthese zwischen eigener und fremder Kultur gebildet (vgl. Wagner, 2008).

Integration von Kindern und deren Familien in der Kita

Die Kinder- und Jugendhilfe als eine wesentliche Sozialisationsinstanz unserer Gesellschaft kann und muss einen entscheidenden Beitrag zu einer gelingenden Integration leisten. Und auch hier gilt: Frühe Hilfe ist doppelte Hilfe! Der Kindergarten stellt die herausragende Gelegenheitsstruktur zur Förderung der Entwicklung und Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit gerade auch für die Kinder aus Migrationsfamilien dar. Gerade, weil Deutschland neuer Lebensmittelpunkt für viele wurde und die Migranten hier ihre Familien gründeten, steigt auch die Zahl der Kinder mit Migrationshintergrund in der Bundesrepublik kontinuierlich an. In Ballungsgebieten hat jedes dritte der betreuten Kinder einen Migrationshintergrund. Sowohl die PISA- als auch die IGLU-Studie zeigen auf, dass Kinder mit Migrationshintergrund im schulischen Bereich in den erfragten Kompetenzen hinter inländischen Kindern zurückliegen. Beide Studien erteilen der vorschulischen Betreuung aber einen sehr hohen Stellenwert, indem sie darauf hinweisen, dass bei einem mindestens 1-jährigen Besuch einer vorschulischen Einrichtung eine Verbesserung dieser Kompetenzen vorzufinden ist (vgl. Berg-Lupper, 2007). Ein großes Problem für die Familien aus anderen Kulturkreisen sind die Betreuungskosten und deren Kinder kommen häufig erst ab dem Alter von 4 Jahren in eine Betreuungseinrichtung. Hinzu kommt, dass knapp die Hälfte der Kindertagesstätten den konfessionellen Trägerschaften zugeordnet werden können – ein Viertel davon katholisch. Ermittelt man die Daten, in welchen Kindertagesstätten Migrantenkinder vertreten sind, so erkennt man, dass sie überproportional häufig kommunale Kindertagesstätten besuchen. Dementsprechend ist es unumgänglich, Kindern mit und ohne Migrationshintergrund gleiche Entwicklungschancen zuzugestehen und Bildung zu vermitteln. Gerade Kinder aus anderen Kulturkreisen haben oft ein erhöhtes Entwicklungsrisiko aufgrund ihrer Sprachkompetenz. Diese soll daher verstärkt im Kindergarten gefördert werden. »Jedes Kind ist ein einzigartiges Individuum. Es hat ein Recht darauf, als solches anerkannt zu werden – unabhängig davon, ob es z.B. behindert oder nicht behindert, schwarz oder weiß, männlich oder weiblich ist. In Kindertageseinrichtungen, in denen die ganze Bandbreite der Bevölkerung anzutreffen ist, sollen Kinder lernen, dieses Recht für sich zu beanspruchen und anderen zu gewähren «. (Fthenakis 2007, S. 37) Der Baden- Württembergische Orientierungsplan geht davon aus, dass Kinder Werte und Normen bereits in der frühen Kindheit verinnerlichen. »Kindertageseinrichtungen sollen die Integrationsbereitschaft fördern und Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund befähigen«. Dabei soll das Ziel sein, die Vielfalt der Lebenswelten und der Familienkulturen in das Erziehungskonzept in die Einrichtungen miteinzubeziehen. Die pädagogischen Fachkräfte in den Einrichtungen verstehen sich zunächst als Bindeglied zur Familie. Sie sollen weltoffen sein, um eine gelungene Integration zu erwirken. Der*die Erzieher*in ist immer eine Art Kulturdolmetscher zwischen den Welten, da sie in beiden Richtungen agieren und für die jeweils andere Kultur sensibilisieren muss. Ihre überzeugenden Mittel sind die verbale und nonverbale Kommunikation sowie ihre Haltung zu den Kindern an sich. Sie sollte mit Respekt und Wertschätzung allen Kindern und Eltern gegenüberstehen, ungeachtet ihrer ethnischen und sozialen Herkunft. Darüber hinaus ist Fingerspitzengefühl notwendig, um gerade Kindern aus Migrantenfamilien und deren Eltern die Bildungsinhalte nahe zu bringen. Sprache und Spracherwerb spielen bei der Integration eine zentrale Rolle: Die Sprache schafft eine gemeinsame Identität und ist daher eine Grundvoraussetzung für die Integration in unserer Gesellschaft.

Sie funktioniert auf den folgenden Ebenen: der Informationsvermittlung an Kind und/oder Eltern und der Informationsaufnahme von Kind und/oder Eltern. Eine Willkommenskultur in Kitas lädt zum Verweilen ein und schafft Vertrauen. Dazu gibt es vielfältige Methoden:

  • Im Eingangsbereich werden Willkommensgrüße in verschiedenen Sprachen aufgehängt.
  • Eine Weltkarte zeigt die Herkunftsländer der Familien, die in der Kita vertreten sind.
  • Informationen und Hinweise sind in verschiedenen Sprachen vorhanden.
  • Menschen, die die Kita betreten, werden von der ersten Person, die ihnen begegnet, freundlich begrüßt und nach ihrem Anliegen gefragt.
  • Eltern mit geringen bis keinen Deutschkenntnissen erhalten eine Willkommensmappe. Diese enthält Flyer zu Ansprechpartnern und (mehrsprachige) Infomaterialien zur Kindertagesbetreuung und der Einrichtung.

Besonders effektiv gelingt die Einbindung der fremden Sprachen, wenn anderssprachige Eltern oder Angehörige der Kinder in pädagogische oder andere Angebote miteinbezogen werden. Dies fördert das Verständnis der deutschen Kinder für fremde Sprachen. Zum Erkunden und Einbeziehen von Interessen und Lebenswelten der Familien können wir:

  • Begegnungsmöglichkeiten schaffen (Elternveranstaltungen, wie zum Beispiel Elternnachmittage oder Eltern- Cafés),
  • mehr Möglichkeiten für Partizipation bieten: Kochen, Backen, Ausflüge, Feste, Eltern-Kind-Aktivitäten, in Projekte einbinden, Eltern zu Vorlese-Aktivitäten einladen. Wir regen die Eltern an, den Kindern unserer Einrichtung etwas aus ihrer Heimat zu erzählen.
  • Eltern miteinander ins Gespräch bringen.
  • Ausflüge (Eltern als Begleiter),
  • Hospitationstage in der Einrichtung anbieten.

»Damit jedes Kind sich mit den unterschiedlichen Sprachen beschäftigen kann, bietet es sich an, Bücher, CDs und Kassetten in anderen Sprachen anzuschaffen.«

Eltern mit Migrationshintergrund, die sich mit der Einrichtung aktiv auseinandersetzen und ihr Kind unterstützend begleiten wollen, brauchen Hilfeangebote durch Schaffen von Zugängen zu vielfältigen Lebenswelten:

  • Erstellen einer Liste möglicher Angebote in erreichbarer Nähe,
  • Stärkung der Selbsthilfe der Familie und Aufbrechen der sozialen Isolation,
  • Erstellen möglicher Sprachangebote für das Kind durch Nachbarn, bezahlte Personen und Einrichtungen sowie durch die Einrichtungen,
  • Möglichkeiten der Zusammenkunft mit deutschsprachigen Gleichaltrigen am Nachmittag (Spieltreffs, Sportvereine usw.).

Damit jedes Kind sich mit den unterschiedlichen Sprachen beschäftigen kann, bietet es sich an, Bücher, CDs und Kassetten in anderen Sprachen anzuschaffen. Diese sollten dann auch für jedes Kind frei zugänglich sein. Ergänzend bieten wir den Eltern an, die fremdsprachigen Medien auszuleihen, oder aber die Eltern bitten, den Kindern CDs oder Bücher mitzugeben. Damit wir und die Eltern bei der Erziehung der Kinder an einem Strang ziehen, ist es notwendig, dass wichtige Informationen in der jeweiligen Familiensprache weitergegeben werden. Wir nutzen dabei die Kompetenz von Eltern, die die deutsche Sprache gut beherrschen und uns zum Beispiel einen Elternbrief in eine Fremdsprache übersetzen können.

Fazit

Wenn es uns gelingt, die Sprachen der Kinder ganz selbstverständlich in unsere pädagogische Arbeit miteinzubeziehen, werden sich die Migrantenkinder angenommen fühlen. Und der wunderbare Nebeneffekt ist, dass unsere Arbeit vielfältiger wird und auch die deutschen Kinder eine Menge Erfahrungen und Erlebnisse dazugewinnen.

Literatur

Berg-Lupper, U. (2007). Kinder mit Migrationshintergrund. Bildung und Betreuung von Anfang an?. In W. Bien, T. Rauschenbach & B. Riedel (Hrsg.), Wer betreut Deutschlands Kinder? DJI-Kinderbetreuungsstudie (S. 83–104). Berlin, Düsseldorf & Mannheim: Cornelsen Verlag. 
Fthenakis, W. (Hrsg.) (2007). Der bayerische Bildungs- und Erziehungsplan für Kinder in Tageseinrichtungen bis zur Einschulung. (2. Aufl.) München: Cornelson Verlag.
Mulot, R. (2007). Migration. In Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V. (Hrsg.), Fachlexikon der Sozialen Arbeit (S. 648–650). Baden-Baden: Nomos.
Oberg, K. (1960). Culture shock and the problem of adjustment to new cultural envirnments. Practical Anthropology, 7, S. 177–182.
Thomas, A. (2005). Das Eigene, das Fremde, das Interkulturelle. In A. Thomas (Hrsg.), Handbuch interkulturelle Kommunikation und Kooperation. Bd. 1. Grundlagen und Praxisfelder (S. 44–59). (2. Aufl.) Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
Wagner, W. (2008). Kulturschock Deutschland. (5. Auflage) Hamburg: Europäische Verlagsanstalt.
Jutta Häuselmann
Erzieherin, B.A. Kindheitspädagogin, Kitaleiterin, freiberufliche Dozentin für Naturwissenschaft und Technik an mehreren Hector-Kinderakademien am Regierungspräsidium Stuttgart, Mitglied im Verein für Science und Technologie e.V. in Teningen.

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