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Recht & Verwaltung27 April, 2022

Schon heute Schule von morgen – Stellen Sie sich als Schulleitung der Herausforderung Digitalisierung

Das Strategiepapier der Kultusministerkonferenz „Bildung in der digitalen Welt“ (Kultusministerkonferenz, 2016) vom Dezember 2016 beschreibt vor dem Hintergrund einer zunehmenden „Digitalisierung aller Lebensbereiche“ das „Lernen im Kontext der zunehmenden Digitalisierung und das kritische Reflektieren“ (Kultusministerkonferenz, 2016) als einen wichtigen integralen Bestandteil des Bildungsauftrags von Schulen.

Die Digitalisierung wird dabei als Chance zur individuellen Förderung angesehen und zugleich werden Schulen auf die große Herausforderung hingewiesen, „die bisher praktizierten Lehr- und Lernformen sowie die Struktur von Lernumgebungen“ zu überdenken, neu zu gestalten und die traditionellen Bildungsziele kritisch zu überprüfen und zu erweitern.
Als Ziel der schulischen „Bildung in der digitalen Welt“ wird der Erwerb von Kenntnissen, Kompetenzen und Fähigkeiten angestrebt, der die Schüler/-innen „zu einem selbstständigen und mündigen Leben in einer digitalen Welt befähigt“.

Verschaffen Sie sich das Wissen, was Digitalisierung bedeutet

Um die Bedeutung dieser Ziele und die damit verbundenen radikalen Veränderungen zu verstehen, muss zunächst danach gefragt werden, was sich hinter dem Begriff „Digitalisierung“ verbirgt.

Unter dem Schlagwort der Digitalisierung werden zurzeit Veränderungen diskutiert, die durch die zunehmende Verbreitung von Computertechnologien geprägt sind und sämtliche Lebensbereiche tangieren. Brynjolfsson und McAfee beschreiben den Beginn des 21. Jahrhunderts als einen Wendepunkt, den Eintritt in ein neues Maschinenzeitalter, das alles verändert (Brynjolfsson & McAfee, 2014), unseren Umgang mit Technologien (Ford, 2016), mit Institutionen (Seemann, 2014), mit Informationen (Floridi, 2015), mit sozialen Beziehungen (Kucklick, 2014) und sogar mit der Art und Weise, wie wir unsere Welt wahrnehmen (Thompson, 2013).

Der Motor der Digitalisierung ist dabei das Internet, das nach der Einschätzung des renommierten PEW Research Institutes (www.pewresearch.org) im Jahre 2025 für uns den Stellenwert haben wird, den die Elektrizität heute besitzt: Es wird allumfassend und weniger sichtbar in alle Bereiche unseres Lebens integriert sein (2014).

Damit verbunden wird sich die Geschwindigkeit des technologischen Wandels stetig erhöhen und wir werden es im beruflichen und privaten Leben mit einem Ausmaß an Computerisierung und Automatisierung zu tun, wie wir es bisher nicht kennengelernt haben, denn Computer und Roboter erreichen in naher Zukunft eine Leistungsfähigkeit, die noch vor ein paar Jahren unvorstellbar war. Die Grundlage dafür ist das sogenannte Moor’sche Gesetz (Moore, 1965), das besagt, dass sich die Leistung von Mikroprozessoren circa alle 18 Monate verdoppelt. Diese Verdopplung führt zu einem exponentiellen Anstieg, der ab einem gewissen Zeitpunkt rapide in die Höhe schießt. So waren im Jahre 2004 für die Ökonomen Levy und Murnane selbstfahrende Kraftfahrzeuge aufgrund der hohen Komplexität des Verkehrsgeschehens absolut undenkbar (Levy & Murnane, 2004), aber bereits 10 Jahre später fuhren sie auf den Straßen Kaliforniens. Computer wie IBMs Watson und Roboter der Firma BostonDynamics erreichen heute Leistungen, die noch vor wenigen Jahren nach Science Fiction klangen.

Mit diesen Veränderungen verbunden sind die massiven Herausforderungen, die uns in einer globalisierten Welt erwarten, wie beispielsweise der Klimawandel, das Bevölkerungswachstum oder die Versorgung mit Nahrungsmitteln und Trinkwasser. Die vernetzte Welt des 21. Jahrhunderts ist komplexer und unübersichtlicher geworden.

21st Century Skills als Kompetenzen für das digitale Zeitalter

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, welche Kompetenzen Menschen benötigen, um in dieser Welt als autonome und verantwortungsvolle Bewohner des „globalen Dorfs“ (McLuhan & Powers, 1995) zurechtzukommen und ein erfülltes Leben zu führen.

Forscher verschiedener Disziplinen haben diese Fähigkeiten als 21st Century Skills definiert. So listen Trilling und Fadel (2009) die Kernkompetenzen folgendermaßen auf:

  1. Kompetenzen für das Leben und Arbeiten im 21. Jahrhundert: Dazu gehören für sie ein hohes Maß an Flexibilität und die Fähigkeit, sich an Situationen und Veränderungen anpassen zu können. Es gilt, die Initiative zu ergreifen und sich eigenständig Ziele zu setzen. Hinzu kommen soziale Kompetenzen, zu denen auch Empathie gehört sowie interkulturelle Kompetenzen. Auch wird es zunehmend wichtiger Verantwortung für das eigene Tun zu übernehmen und dabei einen Blick die Gesamtheit zu haben.

  2. Kompetenzen selbstgesteuert zu lernen und innovativ zu denken: Die Kompetenz im Team sehr komplexe Probleme zu lösen wird zunehmend wichtiger. Das kritische Denken nimmt dabei einen wesentlichen Stellenwert ein, ebenso wie das selbstgesteuerte Lernen. Eng damit verbunden sind Kreativität und Innovationsfähigkeit sowie die Kommunikation und Zusammenarbeit in Teams.

  3. Kompetenzen zum Umgang mit Technologien: Zudem gilt es, Informationskompetenz und Medienkompetenz zu entwickeln und die, mit neuen Technologien umzugehen (vgl. www.p21.org).

Herausforderungen an die Schulen im 21. Jahrhundert

Wie können nun Schulen diese immer wichtiger werdenden Kompetenzen fördern?

Der britische Bildungsforscher Ken Robinson sieht genau darin eine Schwierigkeit, denn er weist auf den „industriellen Charakter des öffentlichen Bildungswesens“(Robinson & Aronica, 2015) hin, der darin bestand, dass Arbeitskräfte für standardisierte Arbeitsabläufe in Industrie, Verwaltung oder Militär auszubilden. Eine Standardisierung und Hierarchisierung sämtlicher Bereiche des Industriezeitalters (Ritzer & Vogel, 2006) hat Schule in der Vergangenheit zutiefst geprägt.

Aber diese bewährten Konzepte funktionieren in einer sich radikal verändernden Welt zunehmend weniger. „Indem man die herkömmlichen Standards verändert, wird man nicht die Herausforderungen meistern, denen wir uns gegenübersehen“ (Robinson & Aronica, 2015). Für Robinson müssen Schulen grundlegend neu gedacht werden (www.ted.com/talks/sir_ken_robinson_bring_on_the_revolution).

Der Harvard-Professor Tony Wagner weist darauf hin, dass Schulen in der Regel nur sehr schwerfällig auf Veränderungen reagieren. Er betrachtet sie als abgeschlossene Biotope, in denen Lehrer/-innen in einer Welt, die sie seit der eigenen Schulzeit kennen, von einer Welt des rapiden Wandels mehr oder weniger abgeschnitten sind und die Bedeutsamkeit von Veränderungen zu wenig wahrnehmen. Das Ergebnis seien Curricula und Lehrmethoden, die sich seit über 50 Jahren nicht verändert haben (Wagner, 2008).

Das New Media Consortium ist eine weltweite Organisation von Universitäten, Schulen, Museen und Bildungsinstitutionen, die sich mit dem Lernen und der Entwicklung von Schulen und Hochschulen auseinandersetzt. In ihrem neuesten Bericht, dem Horizon Report 2107 (www.nmc.org/publication/nmccosn-horizon-report-2017-k-12-edition) werden die wichtigsten notwendigen Veränderungen für Schulen zusammengefasst, wie die Veränderung von Lernräumen und Rollen, aber auch die Förderung des „authentischen“ Lernens, das dazu anleitet, „komplex“ zu denken, sog. „digitale“ Kompetenzen fördert und das ein „vertieftes“ Lernen in einer Kultur der „Innovation“ darstellt (2017).

Für Linda Darling-Hammond sind die Ergebnisse der Lernforschung, was nachhaltiges Lernen fördert, im 21. Jahrhundert von größter Relevanz:

  • Schüler/-innen bearbeiten anspruchsvolle und bedeutsame Aufgaben
  • Schüler/-innen lernen aktiv und nicht rezipierend
  • Schüler/-innen können Verbindungen zu ihrem Vorwissen und eigenen Erfahrungen schaffen
  • Schüler/-innen werden nach ihren Bedürfnissen individuell gefördert und unterstützt
  • Schüler/-innen erhalten konstantes Feedback
  • Schüler/-innen können strategisches und metakognitives Denken entwickeln (Darling-Hammond, 2008)

Das Ziel des Lernens sollte stets ein vertieftes Verständnis und eine intensive Auseinandersetzung mit den Inhalten des Lernens sein. Und diese Form des intensiven Lernens wird in einer Lernumgebung gefördert, in der die Lerner sich intensiv mit realen komplexen Problemen und Fragestellungen auseinandersetzen und dabei etwas produzieren, sei es eine Lösung oder auch die Visualisierung des Problems.

Darling-Hammond verweist explizit auf das Konzept des „Forschenden Lernens“ (Inquiry-Based Learning; Darling-Hammond, 2008), das das projektbasierte, designbasierte und problembasierte Lernen beinhaltet.

Das Buck Institute untersucht vor allem das Project Based Learning und sieht in ihm ebenfalls die Methode der ersten Wahl, um das Lernen zu fördern (Larmer & Mergendoller, 2010). Seine wesentlichen Merkmale fassen sie wie folgt zusammen:

Die Inhalte sollten für die Schüler/-innen eine Bedeutung und einen Bezug zu ihrer Lebenswirklichkeit haben. Sie sollten eine gewisse Komplexität ausweisen und möglichst aktuelle und relevante Problematiken aufgreifen. Dazu gehört ein Verständnis für die Bedeutsamkeit der Problemlösung, die die Schüler/-innen verstehen lässt, warum dieses Thema für sie wichtig ist.

Zur Lösung der Aufgabenstellung ist es wichtig, dass die Schüler/-innen vielfältige Möglichkeiten dazu erhalten und das Gruppenergebnis nicht von vornherein definiert ist. Auch sollte der Weg zur Lösung nicht fest vorgegeben werden, sondern es sollte möglichst viele Freiheiten geben.

Die Arbeit im Projektteam fördert nicht nur wichtige kollaborative und kommunikative Kompetenzen, sondern bietet zudem jedem Schüler/-innen die Möglichkeit, sich als Teil eines Ganzen zu verstehen.

Die Authentizität der Fragestellung und des Projektes besitzt eine zentrale Bedeutung und verstärkt die Ernsthaftigkeit der Projektarbeit. Larmer und Mergendoller schreiben dazu: „Für Schüler/-innen bekommt die Projektarbeit eine besondere Bedeutung, wenn sie an realen Aufgaben arbeiten und diese lösen. Dies ist etwas vollkommen Anderes als etwas in einem Schulbuch oder auf Web-Seiten zu lesen und zu reproduzieren. Hier folgen die Schüler/-innen einem authentischen Lernweg, der mit ihren eigenen Fragestellungen beginnt und sie zur Recherche und zu Informationsquellen führt und schließlich zur Entdeckung von Antworten, die wiederum neue Fragen aufwerfen und so zur intensiven Auseinandersetzung mit der Thematik führt. […] Der Lehrer begleitet den Prozess als Mentor und die neue Lernkultur unterstützt das Fragen, Bilden von Hypothesen und eine Offenheit für Ideen und Perspektiven“(Larmer & Mergendoller, 2010).

Ein weiterer Baustein sind regelmäßige Rückmeldungen durch Lehrer/-innen und Mitschüler/-innen.

Schließlich wird auf die öffentliche Präsentation der Arbeitsergebnisse verwiesen, welche die Ernsthaftigkeit des Projektes unterstreicht und ein Erfolgserlebnis ermöglicht.

Allerdings warnen die Autoren ausdrücklich davor, diese Form des Lernens als eine Methode unter vielen einzusetzen. Vielmehr raten sie dazu das projektorientierte Lernen als Schlüssel und Zentrum des Unterrichts zu etablieren und die Gesamtstruktur der Schule darauf auszurichten, mit allen Konsequenzen, die es hat (Larmer & Mergendoller, 2010).

Dass diese Methode zu besseren und nachhaltigeren Lernergebnissen führt konnten Huang, Jonassen und Liu (Hung, Jonassen & Liu, 2008) durch die Auswertung von über 50 Studien nachweisen. Sie bezeichnen in ihrer Zusammenfassung der Forschungsergebnisse diese Methode als „die innovativste pädagogische Methode, die jemals eingeführt worden ist“ (Übersetzung: F. Thissen).

Tabelle 1: Veränderungen in Schule vom Industrie- zum digitalen Zeitalter

 
Bildnachweis: littlestocker/stock.adobe.com
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