Recht & Verwaltung05 April, 2018

Legal Tech: Zurück in die Zukunft

Die von Legal Tech ausgelösten Veränderungen der Rechtsabteilung bergen Chancen und Risiken. Mit Hilfe der neuen Technologien werden Rechtsanwälte in der Lage sein, juristische Dienstleistungen besser, schneller und vor allem kosteneffizienter zu erledigen oder auf dem neu entstehenden Markt einkaufen zu können. Das jedoch darf den Blick auf die Risiken nicht verstellen: Insbesondere Legal Tech 3.0 weist ein erhebliches disruptives Potenzial auf. Damit Rechtsabteilungen die Vorzüge dieser Entwicklung voll ausschöpfen können, benötigen sie zwei Dinge: Verantwortliche, die den Bedarf an neuen Qualifikationen und Kompetenzen erkennen, und Mitarbeiter, die juristisches Wissen und zumindest eine informationstechnologische Grundausbildung mitbringen. In dem Maße, in dem die langfristigen Möglichkeiten die Investitionstätigkeit bestimmen, werden die Gefahren schwinden.

Teil 1: Wird der Roboter bis 2050 den Anwalt ersetzen?

Legal Technology hat sich seit 2014/15 mit enormer Geschwindigkeit einen festen Platz in den Schlagzeilen der juristischen Fachpresse erobert. Allerdings fällt das Thema nicht aus heiterem Himmel auf die Legal Community; mittlerweile wird in den USA und Großbritannien bereits an der dritten Generation von Legal Tech-Anwendungen gearbeitet. Neu ist, dass allmählich allen Beteiligten klar wird, dass diese Entwicklung die Arbeitswelt der Juristen unweigerlich verändern wird. Die Frage ist allenfalls, wie schnell und wie stark diese Veränderung sein wird. Das Schreckensszenario der Anwälte sieht dabei so aus: Mit Künstlicher Intelligenz versehene Roboter, genauer: Bot-Technologien, die ungeheure Datenmengen jederzeit abrufen und mit rationaler Kompetenz selbst komplexeste juristische Probleme lösen können, werden die Rechtsanwälte in den juristischen Abteilungen der Unternehmen und in den Anwaltskanzleien entbehrlich machen.

Doch wird es tatsächlich so kommen? Wagen wir einen Blick in die Zukunft und begeben uns auf eine Zeitreise, ähnlich wie im gesellschaftskritischen Science-Fiction-Roman „Die Zeitmaschine“ von H.G. Wells aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert oder in der humorvollen Film-Trilogie „Zurück in die Zukunft“ der 1980er Jahre, in der der junge Marty McFly und der verrückte Professor „Doc“ Brown mit einem DeLorean-Sportwagen mit eingebauter Zeitmaschine unterwegs sind. Meine Ausgangsthese: Auch in fünfzig Jahren werden Rechtsanwälte aus Fleisch und Blut noch gebraucht werden. Allerdings werden sie in einer hochkomplexen Arbeitswelt mehr und mehr von digitalen Helfern unterstützt. Von Routinearbeiten entlastet, können sie sich auf die wesentlichen, die intellektuellen Arbeiten konzentrieren und mit Rechnerunterstützung erheblich bessere Ergebnisse erzielen. Anwälte müssen sich vor der Zukunft nicht sorgen. Aber sie sollten sich heute schon darauf vorbereiten. Denn Legal Tech ist Teil der um sich greifenden Digitalisierung der Wirtschaft, die aufgrund der damit einhergehenden Veränderungen der Arbeitswelt nicht umsonst als die vierte Stufe der Industrialisierung bezeichnet wird.

Um besser zu verstehen, was mit der Digitalisierung gerade auf uns zukommt, hilft ein kurzer Ausflug in die Vergangenheit. Die Entwicklung der Dampfmaschine markierte Ende des 18. Jahrhunderts den Beginn der Industriellen Revolution. Sie hat die physische Arbeitskraft, die für die Produktion und den Transport von Waren und Gütern zuvor von Mensch oder Tier geleistet werden musste, auf vielen Gebieten durch Maschinen ersetzt. Dadurch stieg die Produktivität enorm an. Auch als Folge der modernen Verkehrsmittel entstanden gänzlich neue Geschäftszweige und flankierten den Übergang von der Agrar- in die Industriegesellschaft. Mit der Einführung des Fließbands in der Automobilproduktion leitete Henry Ford 1913 die zweite Revolution in der Arbeitswelt ein. Zahlreiche technische Güter wie das Automobil, Telefon und Haushaltsgeräte, die zunächst nur der Oberschicht zugänglich waren, wurden zu Massengütern, die nicht nur das Leben des Einzelnen, sondern die Entwicklung von Städten und Ballungsräumen nachhaltig prägten. Mitte der 1970er Jahre sorgte der Siegeszug der Mikroelektronik mit ihren Computern und programmierbaren Steuerungen für einen neuerlichen Umbruch in der Arbeitswelt. Wieder ermöglichten Maschinen eine Steigerung der Produktivität der einzelnen Mitarbeiter und machten die Etablierung neuer Industrien und Produkte wie Tablets und Smartphones erst möglich.

Heute, in der sogenannten Industrie 4.0, produzieren computergesteuerte Roboter mit Mitarbeitern Hand in Hand. Sie sind mit den Werkstücken und untereinander vernetzt und tauschen permanent Informationen über den Stand des Fertigungsprozesses aus. Die Digitalisierung beschleunigt Entwicklungs-, Beschaffungs-, Herstellungs- und Vertriebsprozesse. Sie verkürzt die Wertschöpfungskette, ohne ihren Wert zu mindern. Ganz im Gegenteil: Die materiellen Erzeugnisse sind noch leistungsfähiger, die immateriellen wie zum Beispiel Rechtsberatung noch fundierter. Legal Tech ist die Ausprägung dieser allgemeinen Entwicklung im juristischen Bereich. Die Frage lautet nicht, ob Legal Tech sich durchsetzen wird oder nicht. Sondern wann und wie schnell es sich durchsetzen wird.

Das aber bedeutet: Die technikinduzierte Evolution erfordert einen neuen Umgang mit der Arbeit, der Einstellung der Menschen zur Arbeit und vor allem mit der Organisation und Führung von Unternehmen.

Es ist menschlich nur zu verständlich, diese Entwicklung zunächst einmal als Risiko für den eigenen Status zu betrachten und ihr ablehnend gegenüberzustehen. Warum etwas ändern, wenn es doch gut geht? Die Ergebnisse unserer Legal Tech-Studie 2018/19 legen nahe, dass zumindest die erste Stufe der Veränderung, die vor allem die Büroorganisation, Dokumentenverwaltung und Rechnungslegung in den Blick nimmt, in den Rechtsabteilungen angekommen ist. Die „Digital Readiness“ in Bezug auf Legal Tech 2.0 für teilautonomisierte Rechtsdienstleistungen und Legal Tech 3.0 für die vollautomatische Abwicklung von rechtlichen Vorgängen wird dagegen in vielen Rechtsabteilungen noch als optimierungsfähig angegeben. In vielen Fällen dürfte das eine Frage der Größenordnung sein. In keiner Rechtsabteilung liegen die zum Auf- und Ausbau von Legal Tech erforderlichen Mittel auf Abruf parat. In der Regel haben aber größere Einheiten einen höheren Spielraum für als notwendig betrachtete Investitionen. Dennoch müssen Mitteleinsatz und -verwendung stets wirtschaftlich vertretbar sein.

Teil 2: Warum Legal Tech das Thema der Stunde ist und bleiben wird

Die erste Generation der Legal Tech, das ist ein zentrales Ergebnis unserer Untersuchung, hat auch in Deutschland Einzug in die Rechtsabteilungen der Unternehmen gehalten. Das wundert nicht, denn sie bietet nach heutigem Stand das größte Potenzial an Effizienzgewinnen, unabhängig von der Größe einer Rechtsabteilung oder Anwaltskanzlei. Dass nun die zweite Generation immer stärker in den Fokus rückt und viele Juristen mit einer Mischung aus Spannung und Sorge verfolgen, was Legal Tech 3.0 an IT-Lösungen mit sich bringt, hat einen guten Grund. Die Zahl von Startup-Unternehmen, die sich mit LegalTech-Lösungen beschäftigen, ist in jüngster Zeit erheblich gestiegen. Sie haben zum Teil sehr überzeugende Ideen, allerdings schaffen es viele von ihnen nicht in die zweite Finanzierungsrunde, weil sich keine Marktnische für sie findet, in der sich genügend Geld damit verdienen lässt.

Das bedeutet keineswegs, dass Legal Tech ein Strohfeuer ist, das demnächst wieder erlöschen wird. Im Gegenteil, die Botschaft ist auf dem Markt für Rechtsberatung – und hier vor allem bei den Rechtsabteilungen der Unternehmen – angekommen, dass sie mittelfristig mit Hilfe der neuen Technologie in der Lage sind, juristische Dienstleistungen viel günstiger, besser und vor allem kosteneffizienter selbst zu erledigen oder zumindest einkaufen zu können. Legal Tech wird vor allem über Mandanten im wirtschaftsrechtlichen Bereich vorangetrieben, denn die Rechtsabteilungen verfügen über kraftvolle Hebel für den Einsatz digitaler Tools. Sie haben nämlich über ihre Unternehmen Zugang zum Kapitalmarkt und damit auch Geld für große Investitionsvorhaben, wie sie bei Technologie meist notwendig sind. Außerdem verfolgen sie mittel- bis langfristige Planungsziele. Wenn sich eine Innovation auf die mittlere Sicht lohnt, dann bekommen die Legal Offices in der Regel grünes Licht vom Vorstand. Ohne jeden Zweifel werden die Rechtsabteilungen der Motor für die Digitalisierung der Rechtsbranche sein und für weitere Innovationsschübe sorgen. In der deutschen Industrie ist die Digitalisierung bereits im vollen Gange. Die Digitalisierung in der Produktion wird auch für Rechtsabteilungen ganz neue Herausforderungen und einen zunehmenden Bedarf an neuen digitalen Lösungen mit sich bringen.

Das setzt die Kanzleien zunehmend unter Druck, denn nun werden auch sie sich vermehrt mit diesem Thema beschäftigen müssen. Das beginnt damit, die eigenen Arbeitsprozesse zu überprüfen und zu verbessern – etwa durch die Straffung der internen Strukturen. Ziel ist es, sowohl die Leistungen günstiger zu erstellen als auch den Service zu verbessern, um im Wettbewerb weiter bestehen zu können. Mehr Dienstleistungsorientierung, wie sie in anderen Branchen längst üblich ist, wird sich auch bei der Rechtsberatung durchsetzen. Es sind also nicht unbedingt die Startups, die mit Legal Tech-Lösungen den größten Veränderungsdruck aufbauen, sondern die Unternehmen und ihre Rechtsabteilungen. Sie werden externe Kanzleien vermehrt unter Zugzwang setzen, um günstiger und effizienter an gute Rechtsberatung zu gelangen.

Allerdings sollte man auf Unternehmensseite die Erwartungshaltung nicht ins Unermessliche schrauben. Wunder sind auch durch Legal Tech nicht zu erwarten. Es gibt aber sehr wohl Grund für Optimismus, denn die erforderliche Hardware für Legal Tech-Lösungen wird zunehmend günstiger. Und gerade bei dem wichtigen Aspekt des Maschinenlernens ist die Software in den vergangenen Jahren einfacher und billiger geworden. Dass Legal Tech augenblicklich so gehypt wird, hat also ein Stück weit eben doch mit der Technologie selbst zu tun. Hinzu kommt, dass auch die zur Auswertung zur Verfügung stehende Datenmenge erheblich zugenommen hat – Big Data lässt grüßen. Softwaretechnologie hilft insbesondere bei der Erarbeitung und Strukturierung von umfangreichen Sachverhalten. Sie kann auch schneller und besser Korrelationen zwischen Daten, Muster und Abweichungen erkennen. Die Analyse von unzähligen Gerichtsentscheidungen führt dazu, dass man Muster der Entscheidungen erkennen und daraus Prognosen über künftige Entscheidungen ableiten kann. Zur Einschätzung der Erfolgsaussichten einer Klage war der Anwalt bisher in der Regel auf sein durch langjährige Berufserfahrung erworbenes Wissen in Kombination mit seinem Bauchgefühl angewiesen. Software kann sehr viel größere Datenmengen verarbeiten und hilft Rechtsabteilungen und Anwälten dabei, eine verlässlichere und bessere Risikoabwägung vorzunehmen.

Legal Tech-Lösungen können zudem dabei helfen, die von einem Vertragspartner vorgelegten Dokumente auf etwaige Schwachstellen hin zu untersuchen. In den USA gibt es den Onlinedienstleister LawGeex, auf dessen Website ein Dokument hochgeladen und durch den automatischen Vergleich mit Tausenden von anderen Verträgen in der Datenbank optimiert werden kann. So lassen sich kritische oder außergewöhnliche Klauseln aufspüren und nachverhandeln. Ob sich ein solches Modell auch in Deutschland etablieren wird, bleibt abzuwarten.

Teil 3: Personelle Vorbereitung – mit den richtigen Mitarbeitern den Wandel gestalten

Bislang hat man bei deutschen Juristen nicht den Eindruck, dass die in dieser Entwicklung liegenden Chancen in ganzer Konsequenz erkannt werden. Es herrschen Bedenken und Sorgen um den eigenen Status vor. Die eher zum Konservatismus neigende Zunft der Rechtsanwälte wird sich aber dem hohen Tempo der Digitalisierung anpassen müssen, wenn sie nicht von ihr überrollt werden möchte. Vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen ist es keine allzu gewagte Prognose: Für die Rechtsabteilungen und großen wirtschaftsberatenden Kanzleien wird sich durch Legal Tech die Arbeitsweise ändern. Die Frage ist, welche personellen Konsequenzen das in Bezug auf die Zahl der benötigten Arbeitsplätze und der notwendigen Qualifikationen der Berufsträger und der Supportkräfte haben wird.

Dazu ein Beispiel: Im Bereich Mergers & Acquisitions, Unterpunkt Due Diligence, gibt es mittlerweile exzellente Informationsextraktionssoftware. Sie ist in der Lage, Verträge zu lesen, zu „verstehen“ und alle wichtigen Vertragsbestandteile herauszusuchen, zu katalogisieren und zu systematisieren. Und das in extrem kurzer Zeit und in vielen Sprachen der Welt. Die Software sucht nicht nur nach Schlagwörtern, sondern auch nach Sinnzusammenhängen. Sie kann Standards erkennen und davon abweichende Klauseln. Sie kann sogar Sonderkündigungsklauseln identifizieren, auch wenn sie wörtlich nicht in dem Dokument vorkommen. In Deutschland hat die Berliner Legal Tech-Schmiede Leverton damit innerhalb kürzester Zeit für Furore gesorgt. Der von ihr entwickelte selbstlernende Algorithmus kann binnen Minuten mehrere Hundert Seiten lange Immobilienverträge scannen – schneller, als je ein Jurist dazu in der Lage wäre. Man muss kein Fachanwalt für Immobilienrecht sein, um etwa einen umfänglichen Mietvertrag in die Software zu laden und die Analyse zu starten. Schon wenige Minuten reichen dem Algorithmus, um aus einem 140 Seiten langen Dokument die wichtigsten Daten herauszufiltern: Adresse, monatliche Gesamtmiete, Quadratmeter. Der Algorithmus ermittelt auch, wie viele Mietparteien im Gebäude sind und wer wann mit welchen Fristen kündigen darf. Eine solche Software kann den Rechtsabteilungen sehr viel Zeit und Geld sparen. Und sie hat große Auswirkungen auf das Geschäftsmodell der wirtschaftsberatenden Kanzleien, denn sie übernimmt Aufgaben, die heute vielfach von jungen Associates erledigt werden.

E-Discovery-Software ist ein weiteres Beispiel, das es schon seit vielen Jahren gibt. Sie ist in Deutschland aber noch von vergleichsweise untergeordneter Bedeutung, weil sich unser Rechtssystem zum Teil erheblich vom anglo-amerikanischen Rechtssystem unterscheidet, wo E-Discovery eine viel größere Rolle spielt. Aber auch hier gilt: Bei wiederkehrenden Tätigkeiten ersetzt die Software zunehmend die menschliche Arbeitskraft.

Damit Rechtsabteilungen die Vorzüge dieser Entwicklung voll ausschöpfen können, benötigen sie zwei Dinge: Verantwortliche, die den Bedarf an neuen Qualifikationen und Kompetenzen erkennen, und Mitarbeiter, die juristisches Wissen und zumindest eine informationstechnologische Grundausbildung mitbringen. Das bedeutet nicht, dass Rechtsabteilungen und Kanzleien nun Informatiker mit juristischen Kenntnissen rekrutieren müssen. Es genügt, wenn sie ausreichend Juristen finden, die in Sachen Legal Tech aufgeschlossen über den engen Tellerrand der bisherigen Juristenausbildung blicken. Rechtsanwälte müssen auch in Zukunft nicht fortgeschritten programmieren können. Aber sie sollten die Fachbegriffe kennen und richtig einordnen können, und sie sollten ein Verständnis fürs Programmieren und für technologische Zusammenhänge haben. In Zukunft werden Mitarbeiter benötigt, die in der Lage sind zu erkennen, wann Technologieeinsatz sinnvoll ist, und die kritisch bewerten können, wo Technologie an ihre Grenzen stößt. Außerdem sind Juristen gefragt, die mit ihrem Verständnis von der Materie Technologien regulieren und über die Auswirkungen der Digitalisierung auf das Recht selbst und dessen soziale und wirtschaftliche Funktion nachdenken.

Zweifellos hinkt die Entwicklung in Deutschland diesbezüglich gegenüber den bereits erzielten Fortschritten in den USA hinterher. Doch auch hierzulande gibt es Universitäten, die die Studieninhalte an der sich abzeichnenden Zukunft ausrichten. Wenn man bedenkt, dass die juristische Ausbildung in der Regel fünf bis sieben Jahre dauert, wird es also noch eine Weile dauern, bis genügend kenntnisreiche Kandidaten auf den Arbeitsmarkt treten. Das Berufsbild der Juristen wird durch Legal Tech sicher noch differenzierter und spannender. Bisher gab es beispielsweise keine juristischen Datenanalysten. In Zukunft werden sie gebraucht. In der Übergangsphase einer Rechtsabteilung können Juristen mit Technologiekenntnis als Berater fungieren.

Mit der zunehmenden Vernetzung und interdisziplinären Zusammenarbeit in den verschiedenen Branchen, die durch die Digitalisierung weiter vorangetrieben wird, entstehen ganz neue juristische Probleme, für deren Lösung auch in Zukunft viele Juristen benötigt werden, die ihre Unternehmen und Mandanten inhaltlich beraten. Doch auch für diese Anwälte gilt: Wer versteht, wie man mit Technologie einer Rechtsabteilung Kosten spart oder wie man mit ihr als externe Wirtschaftskanzlei Geld verdient, hat es leichter, voranzukommen oder Partner zu werden.

Teil 4: Legal Tech – was Unternehmen jetzt tun müssen

Angesichts des durch Legal Tech ausgelösten Wandels kann es sich keine Rechtsabteilung und keine Kanzlei mehr leisten, auf den bisherigen Erfolgen auszuruhen. Vielmehr sollten sie baldmöglichst beginnen, sich folgende Fragen zu stellen: Wie können wir mit Hilfe von Legal Tech Kosten reduzieren oder Prozesse verbessern? Wie kann uns Legal Tech dabei helfen, zukünftige Ertragspotenziale zu heben? Welche Herausforderungen ergeben sich dadurch für unsere Mitarbeiter? Und wie stellen wir sicher, dass sie diese bewältigen können?

Die Ergebnisse unserer Studie zeigen, dass die Rechtsberatungen ein sehr realistisches Bild von den auf sie zukommenden Herausforderungen haben. In absteigender Reihenfolge benennen sie als vordringliche Aufgaben das Managen der Schnittstelle zwischen IT und Rechtsberatung, die Neuorganisation und Neudefinition von Prozessen in der Rechtsabteilung, die interne Weiterbildung der Juristen und Syndici, vor allem in Hinblick auf IT-Fachwissen, sowie die Bewältigung einer höheren Arbeitsbelastung mit gleicher Belegschaft. Alle Maßnahmen, um diese Aufgaben anzupacken, sollten jedoch im Rahmen einer gezielten Strategie erfolgen. Und an dieser Stelle hapert es noch: So geben nur etwas mehr als 3 Prozent der Rechtsabteilungen an, über eine gezielte Legal Tech-Strategie zu verfügen. Etwas mehr als ein Drittel hat eine Strategie in Planung, und fast 60 Prozent der Rechtsabteilungen geben an, noch keine Strategie formuliert zu haben. Das widerspricht der Einsicht, die etwas mehr als zwei Drittel aller Rechtsabteilungen teilen, wonach Legal Tech-Dienstleistungen und Services in Zukunft unverzichtbar für ihre Arbeit sind.

Digitalisierung kann nur gelingen, wenn eine Vision und Umsetzungsidee davon entwickelt wird, wie neue digitale Geschäftsmodelle und Produkte aussehen könnten. Hierbei wird klar werden, dass Digitalisierung nicht das schlichte Installieren von bestimmten Tools bedeutet, sondern einen ganz neuen Blick auf bestehende Geschäftsmodelle, Produkte und Prozesse erfordert. Die Definition einer Digitalisierungsstrategie ist herausfordernd, wird aber denjenigen Rechtsabteilungen und Kanzleien, die sich jetzt ernsthaft damit auseinandersetzen, Wettbewerbsvorteile sichern. Ich bin mir sicher, dass wir 2018 in sehr vielen Rechtsabteilungen und Wirtschaftskanzleien die konkrete Ausbildung einer Digitalisierungsstrategie erleben werden.

Vor einer Gefahr darf man die Augen jedoch nicht verschließen: Während sich die Legal Tech-Lösungen der ersten und zweiten Generation eher evolutionär entwickelt haben, weist Legal Tech 3.0 in einigen Bereichen und Rechtsgebieten ein erhebliches disruptives Potenzial auf. An dieser Stelle wird zur Illustration gern das Bild von der Ketchupflasche verwendet, die nach mehrfachem Schütteln abrupt eine übergroße Menge abgibt. Ebenso kann es mit Legal Tech 3.0 geschehen: Binnen weniger Monate kann die Technologie Veränderungen erzwingen – einfach deshalb, weil es geht und weil die Mandanten das Neue erwarten. Disruptive Technologien evolutionär, also nach und nach, einführen zu wollen, hieße einen Teil seiner Geschäftsbasis in kurzer Zeit obsolet werden zu lassen. Deshalb reicht es nicht, im Rahmen einer Digitalisierungsstrategie nur Legal Tech-Lösungen der ersten und zweiten Generation in Betracht zu ziehen. Der Blick muss vielmehr auf die gesamte Palette und mit Legal Tech 3.0 ff. auf die zukünftige Entwicklung gerichtet werden. Zwar benötigt nicht jede Rechtsabteilung oder Anwaltskanzlei alle momentan zur Verfügung stehenden Legal Tech-Lösungen. Jedoch sollten sich die Verantwortlichen umfassend, also auch mit dem Blick auf übermorgen, informieren und gezielt alle verfügbaren und geprüften Tools und Prozesse auswählen, die die Arbeit in ihrer Abteilung oder Kanzlei leichter, schneller und günstiger machen. Dabei kommt es auf die jeweilige Größe der Abteilung oder Kanzlei an, ob Werkzeuge und Prozesse selbst eingeführt werden oder besser und günstiger von Dritten eingekauft werden können.

Dabei ist es entscheidend wichtig, ab sofort die weitere Entwicklung von Legal Tech genau zu beobachten. Zu den interessantesten Veränderungen, die zu erwarten sind, zählen aus meiner Sicht neue Abrechnungsmodelle. Der um sich greifende Einsatz von Legal TechTools wird sich auf die traditionellen Abrechnungsmodelle von Kanzleien auswirken, etwa indem für standardisierte Aufgaben Festpreise eingeführt werden. Für andere Aufgaben werden die Kanzleien womöglich ganz neue Monetarisierungsmodelle finden. Da sich nicht nur in der deutschen Wirtschaft insgesamt, sondern auch in den Rechtsabteilungen und Kanzleien eine positivere Einstellung gegenüber cloudbasierten Softwarelösungen durchsetzt, dürfte das Angebot an leicht zu nutzenden und preisgünstigen Legal Tech-Produkten steigen. Außerdem werden für die Rechtsberatung von Unternehmen Plattformen entstehen, wie es sie heute schon für Verbraucher gibt. Aufgrund ihrer Transparenz und Economies of Scale werden sich diese Plattformen, ähnlich wie es Uber für Taxifahrten oder AirBnB für Übernachtungen gemacht haben, in die Rolle als Vermittler von Rechtsdienstleistungen hineindrängen. Ob sie dort dauerhaft einen Platz bewahren können, wird sich freilich erst noch zeigen.

Die eingeschlagene Strategie wird im Einzelfall darüber entscheiden, wie sehr sich der Personalbedarf ändern wird. Einige Software-Lösungen werden einen guten Teil dessen, was Anwälte heute tun, entbehrlich machen. Alles was mit Informationsgewinnung, -verarbeitung und -systematisierung zu tun hat, können Legal Tech-Lösungen besser und schneller als Menschen. Aber die Bewertung von Information, verbunden mit einer Rechtsberatung, wird noch so lange von Menschen vorgenommen werden, wie sie für menschliche Mandanten tätig sein werden.

Prof. Dr. Peter Körner

Prof. Dr. Peter Körner

Director, Corporate Legal Insights

Peter Körner ist seit über 28 Jahren in namhaften Unternehmen und Beratungen tätig. Er verantwortete in seiner Tätigkeit bei der Deutschen Telekom u.a. den Bereich Personal und Recht der T-Mobile Deutschland und leitete zahlreiche anspruchsvolle Transformationsprojekte in global tätigen US-Technologiekonzernen. Herr Prof. Dr. Körner ist seit mehreren Jahren an der Hochschule für Ökonomie und Management in Frankfurt als Professor der Betriebswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Turnaround Management sowie Artificial Intelligence tätig.