Das Jahr 2025 war geprägt von schnellen Veränderungen im Bereich der künstlichen Intelligenz (KI). Eine Neuankündigung der Anbieter von großen Sprachmodellen (Large Language Models, LLMs) jagte die andere. Immer neue Rekorde wurden bei den gängigen Benchmarks erreicht und die ersten Plätze in den Leaderboards wechselten in hoher Frequenz. Dennoch sind nur Teile dieses Hypes auch wirklich in der täglichen Arbeit angekommen.
Christian Hartz, Legal Engineer bei Wolters Kluwer, ordnet die zentralen Entwicklungen der schnelllebigen KI-Welt des Jahres 2025 ein und gibt einen fundierten Ausblick auf 2026.
Der Rechtsmarkt steht 2026 an einem Wendepunkt: Neue Technologien – allen voran Künstliche Intelligenz – verändern die juristische Arbeit grundlegend. Kanzleien, Rechtsabteilungen, Gerichte und Behörden sehen sich mit der Aufgabe konfrontiert, digitale Trends gezielt zu nutzen, um effizienter und serviceorientierter zu agieren. International hat sich in der zweiten Jahreshälfte 2025 gezeigt, welche Entwicklungen für sie besonders relevant sind: Von generativer KI über automatisierte Prozesse bis hin zu (souveränen) Cloud-Plattformen, digitale Wissensvermittlung und Cybersicherheit.
Die Adoptionsrate von KI in Unternehmen ist in den letzten Jahren rasant gestiegen, wie Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen. So wuchsen die Werte der IKT-Indikatoren für Unternehmen im Bereich KI in der Statistik für Information und Kommunikation von 33 % im Jahr 2023 auf 61 % im Jahr 2024 und schließlich auf 75 % im Jahr 2025.¹ KI ist somit in den Unternehmen angekommen, wenn auch an vielen Stellen noch eher experimentell. In den juristischen Teams setzen 56 % generative KI ein und 66 % haben ein eigenes Legal Tech Budget.²
Der KI-Einsatz konzentriert sich derzeit vor allem auf einfache Automatisierungen wie die Erzeugung von Dokumenten mittels Generativer KI oder die Datenextraktion aus großen Datenmengen und einfache natürlichsprachliche Suchen. Darüber hinaus eröffnet KI zusätzliche Potenziale: So können viele Workflows gänzlich automatisiert werden und der menschliche Einsatz auf eine überwachende Tätigkeit beschränkt werden. Gerade an der Stelle kommen auch Legal Workspaces, die im Gegensatz zu komplexeren Workflow-Automatisierungen einfache Oberflächen anbieten, um vorkonfigurierte juristische Arbeitsschritte abzubilden, ins Spiel. Auch Anbieter juristischer Fachinformationen und Software positionieren sich zunehmend durch die enge Verknüpfung von juristischem Wissen mit integrierten Legal Workspaces. 2026 wird zeigen, ob der Wechsel von einfachen zu umfangreicheren Workflows auch im juristischen Bereich gelingt, um den Automatisierungsgrad erhöhen zu können.
Der Einsatz von KI ist jedoch nicht nur auf die internen Kanzleiabläufe beschränkt. Vielmehr bietet er die Möglichkeit, Mitarbeitende spürbar zu entlasten, die Servicequalität zu erhöhen und die Erreichbarkeit gegenüber Mandantinnen und Mandanten zu verbessern. Damit betrifft der Einsatz von KI zunehmend auch die Mandanteninteraktion von der ersten Kontaktaufnahme bis zur Kontaktpflege im Nachgang eines Mandats. Chat- oder Voicebots helfen bei der Mandatsannahme, prüfen automatisiert, ob alle notwendigen Belege eingereicht wurden, erbeten fehlende Informationen und ermöglichen eine 24/7-Erreichbarkeit bei einfachen Rückfragen. Customer-Relationship-Tools helfen bei der Nachverfolgung und ggf. auch beim Versenden von Weihnachtskarten oder E-Mails.
Eine Verknüpfung der derzeit oftmals noch fragmentierten Tools zu vollumfänglichen Legal Workspaces könnte 2026 den Automatisierungsgrad und die Effizienz noch deutlich erhöhen und die Nutzung auch für kleinere Kanzleien ermöglichen.
Die juristische Recherche verändert sich grundlegend: Sie wird zunehmend automatisiert und bleibt dabei transparent und nachvollziehbar. Natürliche Sprachanfragen ergänzen oder ersetzen teilweise gar die Eingabe von Suchworten. Automatisierte juristische Recherche auf Basis der zur Verfügung gestellten Akte ermöglichen eine Fokussierung auf die Arbeit mit den Informationen statt der Suche nach Informationen. Die Legal Workspaces kombinieren eigenes Kanzlei- und Unternehmenswissen mit den Informationen der juristischen Recherche und ermöglichen nahtlose Übergänge. Der KI-Einsatz wird somit nicht nur für das Massengeschäft, sondern auch für Einzelfälle interessanter.
Die rechtliche Unsicherheit beim Einsatz von KI, Fragen des Datenschutzes sowie Anforderungen an einen sicheren Betrieb spielen weiterhin eine große Rolle. Sie sind für viele Organisationen ein zentraler Grund, den Einsatz von KI bislang zurückzustellen. Das Statistische Bundesamt nennt den Datenschutz bei fast 70 % der Unternehmen als Hinderungsgrund.³ Gleichzeitig zeigt das vergangene Jahr, dass praktische Erfahrungen, klare Leitplanken und erprobte Anwendungsfälle helfen, um diese Zurückhaltung zu überwinden. Die Übertragung dieser Learnings auf weitere Unternehmen kann 2026 für mehr Sicherheit und Vertrauen im produktiven Einsatz sorgen.
Um sicherstellen zu können, dass die KI-Automatisierung den versprochenen Erfolg tatsächlich einbringen kann, wird eine konsequente Messbarkeit entscheidend sein. Damit unterscheidet sich der Ansatz zunehmend von den experimentellen Anwendungen der vergangenen Jahre.
Für 2026 rückt daher die systematische Nutzung von Metriken in den Vordergrund. Sie ermöglichen es, KI-gestützte Workflows nicht nur zu bewerten, sondern auch gezielt weiterzuentwickeln und zu skalieren. Dabei lassen sich insbesondere drei Dimensionen unterscheiden: die Qualität der Ergebnisse, die Effizienz der Prozesse sowie Risiken im Hinblick auf Compliance, Datenschutz und Nachvollziehbarkeit.
Durch diese strukturierte Betrachtung wird sichtbar, wo KI tatsächlich entlastet, wo Anpassungen erforderlich sind und an welchen Stellen menschliche Kontrolle weiterhin notwendig bleibt. Messbarkeit wird damit zur Voraussetzung für Einheitlichkeit, Vertrauen und eine nachhaltige Skalierung von KI im juristischen Arbeitsalltag.
Die Analyse könnte zudem zeigen, dass bestehende Workflows nicht immer fehlerfrei waren – und dass die Kombination aus menschlicher Expertise und KI nicht nur zu schnelleren, sondern auch zu besseren Ergebnissen führt.
Quellen:
¹ https://www-genesis.destatis.de/datenbank/online/url/998e2d1d
² https://www.wolterskluwer.com/de-de/news/legisway-benchmark-for-legal-departments
³ https://www-genesis.destatis.de/datenbank/online/url/c4270cd6