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Recht & Verwaltung09 Mai, 2022

Umgang mit traumatisierten Kindern in der Kita: Aufgaben und Handlungsempfehlungen

Aktuell beschäftigen sich viele Kindertagesstätten mit der Frage, welche Aufgaben mit der Aufnahme geflüchteter und möglicherweise durch Krieg und Flucht traumatisierter Familien auf sie zukommen könnten. Eine traumasensible Haltung in dem für die Familien noch völlig neuen Lebensumfeld kann dazu beitragen, den Verarbeitungsprozess des erlebten Schreckens zu unterstützen und wieder ein Gefühl von Sicherheit zu erleben.

Julia Bialek, Dipl. Pädagogin, Traumatherapeutin

Mit dem durch Putin initiierten Angriffskrieg hat sich die Welt verändert. Menschen aus der Ukraine mussten vollkommen unvorbereitet ihre Heimat verlassen, geliebte Menschen, das gesamte Lebensumfeld sowie alles Hab und Gut zurücklassen. In den meisten Fällen gibt es wohl kaum Möglichkeiten für die Vorbereitung der Flucht oder zum Abschiednehmen. Man ging davon aus, bald zurückkommen zu können. Dass sich daraus ein langfristiger Zustand entwickeln könnte, wird erst in den letzten Wochen und damit für viele Menschen erst nach der Flucht deutlich. Familien werden auseinandergerissen, da Männer im wehrpflichtigen Alter das Land nicht verlassen dürfen. Es fliehen überwiegend Frauen, Kinder und ältere Menschen. Die Frauen befinden sich in der Situation, einen Teil der Familie retten und gleichzeitig einen anderen Teil in einer lebensbedrohlichen Situation zurücklassen zu müssen. Zusätzlich müssen sie sich in einem komplett neuen Lebensumfeld zurechtfinden und für Sicherheit sorgen, während ständig neue Berichte über Bedrohung und Zerstörung aus der Heimat eintreffen.

Auch für die Kinder, die sehr abrupt aus einer bisher mehr oder weniger sicheren Lebenswelt gerissen wurden, bedeuten diese Erfahrungen eine möglicherweise existenziell bedrohliche und damit potenziell traumatisierende Situation. Die extrem belasteten Elternteile sind eventuell weniger gut in der Lage, sich auf die Bedürfnisse der Kinder einzulassen. Diese spüren oft die Not der Erwachsenen und stellen ihre eigenen Bedürfnisse zurück, um die Eltern als Bindungspersonen stabil zu halten, sie übernehmen die Verantwortung sowohl für das Wohlergehen der Eltern und als auch für deren Sorgen und Aufgaben. So können Mehrfachbelastungen der Kinder entstehen, obwohl alle Beteiligten das ihnen Bestmögliche tun.

Welche Relevanz hat das Thema Trauma für die Kindertagesstätte?

Die nun auf unabsehbare Zeit notwendigen Aufenthalte in den Ankunftsländern nach der Flucht werfen Fragen nach längerfristigen Perspektiven auf. Kinder werden in Kindertagesstätten und Schulen aufgenommen, Eltern streben private und berufliche Stabilisierungen an. Eine neue Sprache muss gelernt werden, andere Strukturen, Regeln, rechtliche Aspekte und vieles mehr.

Für Kindertagesstätten, die jetzt Familien mit diesem Erfahrungshintergrund aufnehmen, stellen sich Fragen wie: „Was brauchen Kinder und ihre Familien für eine gelingende Teilhabe?“ oder „Gibt es im Hinblick auf mögliche Traumatisierungen Aspekte, die beachtet werden müssen?“

Die Aufnahme in eine Kindertagesstätte könnte vieles bieten, was Kinder und ihre Eltern in dieser Krisensituation benötigen. Um dieses Potenzial voll ausschöpfen zu können, ist es für pädagogische Fachkräfte hilfreich, über psychotraumatologisches Grundwissen zu verfügen. Nicht um Aufgaben aus dem therapeutischen Kontext zu übernehmen, sondern um den Alltag traumasensibel im Sinne einer Wiederherstellung von Sicherheit und Handlungsfähigkeit gestalten zu können. Und dieser Beitrag ist ausgesprochen wertvoll!

Was ist eine Traumatisierung und was können Anzeichen einer Traumatisierung sein?

Nicht jede schlimme Lebenserfahrung ist ein traumatisches Ereignis und führt in eine Traumatisierung. Menschen sind in der Lage, viele Herausforderungen durchzustehen und diese auch zu verarbeiten. Allerdings dauert die Verarbeitung eine gewisse Zeit (mindestens mehrere Wochen), in der Folgendes wichtig ist:

  • Menschen sollen in dieser Verarbeitungszeit ihr Umfeld wieder als sicher erleben können.
  • Es muss andere Menschen geben, die ihnen Verständnis entgegenbringen und Unterstützung bei der Regulation des alarmierten Stresssystems geben.
  • Ihnen müssen Transparenz und Vorhersehbarkeit ermöglicht werden.
  • Ihnen sollten so viel Selbstständigkeit wie möglich und so viel Versorgung wie notwendig angeboten werden.
  • Sie sollten Sicherheit gebende Erklärungen erhalten über das, was passiert ist und was nun in ihnen passiert.

Dies ist unter den derzeitigen Lebensumständen geflüchteter Menschen sicherlich nicht leicht, aber genau das, was sie nach solchen Erfahrungen brauchen und was zu den Kernkompetenzen der institutionellen Arbeit in Kindertagesstätten gehört. Es verdeutlicht das enorme Potenzial dieser Angebote für die geflüchteten Familien.

Aus der Resilienzforschung ist bekannt, dass es nicht darauf ankommt, in einer krisenhaften Situation einen in allen Bereichen perfekten Zustand herzustellen, sondern dass es ausreicht, wenn es einen Menschen gibt, der in einer solchen Situation da bzw. erreichbar ist und Sicherheit gibt. Damit ist keine ununterbrochene Erreichbarkeit gemeint, sondern ein gut verständliches und stabiles Angebot, ähnlich einem Leuchtturm, der bei hohem Wellengang Orientierung gibt und anzeigt, wo Sicherheit erreicht werden kann (Scherwath 2021, S. 46-49).

Das Wort Trauma entspringt der griechischen Wortbedeutung für „Wunde, Verletzung“. Kennzeichnend für ein potenziell traumatisches Ereignis im psychischen Sinne ist das subjektive Gefühl von Ohnmacht, Hilflosigkeit und Kontrollverlust angesichts einer als existenziell bedrohlich empfundenen Gefahr. Für Kinder kann dies bei ganz anderen Ereignissen geschehen als für Erwachsene. Gerät ein Mensch in eine Situation, die er als bedrohlich empfindet, versucht er mit allem, was ihm zu diesem Zeitpunkt auf der Basis seines Entwicklungsstands und seiner individuellen Vorerfahrungen zur Verfügung steht, diese Bedrohung abzuwenden. Gelingt dies nicht, werden die evolutionär entwickelten Notfallreaktionen Kampf oder Flucht ausgelöst. Erweisen sich aber auch diese nicht als ausreichend, um die Bedrohung abzuwenden, entsteht das Gefühl von Ohnmacht, Hilflosigkeit und schutzloser Preisgabe (vgl. Fischer/Riedesser 2020, S. 302), und die Situation wirkt potenziell traumatisierend. Mit der Dissoziation setzt ein weiterer Notfallmechanismus des menschlichen Organismus ein, nun nicht mehr, um die Situation abzuwenden, sondern um die Bedrohung überlebbar zu machen: Der Mensch erstarrt körperlich, die Wahrnehmung der Situation fragmentiert, d. h., das Ereignis wird nicht mehr sinnesübergreifend als zusammenhängendes Erleben wahrgenommen und abgespeichert. Dies ermöglicht das Überleben einer ansonsten nicht erträglichen Situation.

Nach einem solchen Ereignis erfolgt der Versuch des psychovegetativen Systems, die Auswirkungen zu verarbeiten, dieser Prozess dauert mehrere Wochen, unter erschwerten Bedingungen auch Monate. Erst wenn diese Verarbeitung nicht möglich ist, entsteht ein traumatischer Prozess.

Traumabezogene Ausdrucksweisen machen sich dann an drei wesentlichen Aspekten fest:

  1. Das Stresssystem bleibt in einem ständigen Alarmzustand und reagiert schon auf kleinste Veränderungen im Innen oder Außen mit einer extrem hohen Aktivierung.
  2. Das Erinnerungssystem beinhaltet die fragmentierten, der bewussten Erinnerung nicht zugänglichen Anteile der traumatischen Situation und reagiert auf ähnliche im Alltag vorkommende Reize (Trigger) im Sinne einer Alarmierung des gesamten Organismus. Durch diese und andere Dynamiken kommt es zum Wiedererleben traumatischer Situationen im Hier und Jetzt, sodass die traumatische Situation (bzw. Anteile davon) immer wieder erlebt werden muss.
  3. Die Person versucht, alles zu vermeiden, was an die traumatische Situation erinnert oder den Stress erhöht.

Für den Alltag in einer Kindertagesstätte kann dies Folgendes bedeuten:

1. Übererregtes Stresssystem: Das Kind ...

  • erscheint überwachsam, erschrickt schnell, nimmt kleinste Veränderungen und Geräusche wahr, kann sich nicht so gut auf Anforderungen konzentrieren,
  • braucht immer das Gefühl von Überschaubarkeit und Kontrolle,
  • ist viel in Bewegung, wirkt rastlos und unruhig, kann nicht gut im Morgenkreis oder bei den Mahlzeiten sitzen bleiben,
  • mag ruhige Angebote nicht gerne, Schlafen fällt ihm schwer,
  • kann sich schwer von Bezugspersonen trennen,
  • findet sich besonders in Übergängen schwer zurecht (z. B. Umziehsituation in der Garderobe) und wirkt dann mit seinen Verhaltensweisen aggressiv oder herausfordernd.

2. Wiedererleben: Das Kind ...

  • reagiert auf bestimmte Auslöser mit extremen Verhaltensweisen wie Schreien, Weglaufen, auf andere Menschen Losgehen oder Erstarren,
  • spielt bestimmte Spielinhalte und Handlungsabläufe, häufig mit gewaltvollen oder traurigen Themen, immer wieder gleich und reagiert nicht auf Anregungen von außen,
  • zeigt wiederkehrende, teilweise wechselnde körperliche Symptome,
  • hat Albträume.

3. Vermeidung: Das Kind ...

  • vermeidet Anforderungen bzw. alles, was neu ist, oder traut sich nur, in 1:1-Situationen zu sprechen,
  • sitzt manchmal einfach da und scheint das Geschehen um sich herum nicht mitzubekommen,
  • wirkt vergesslich und unkonzentriert,
  • vermeidet bestimmte Situationen, Menschen, Orte, soziale Kontakte,
  • zeigt wenig Gefühle, weint oder lacht selten, scheint von außen betrachtet trotz einschneidender Verlusterfahrungen nicht zu trauern,
  • zeigt Regression in bereits erlernten Fähigkeiten oder Verhalten.

Werden solche oder andere Verhaltensweisen beobachtet, ist es wichtig zu verstehen, dass es sich um normale Reaktionen auf die gemachten Erfahrungen handelt! Es können viele weitere Anzeichen von Belastung hinzukommen, und auch das ist normal. Kinder wie auch deren Eltern benötigen genau diese Botschaft, damit es nicht zu zusätzlichen Belastungen kommt!

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Welche Handlungsmöglichkeiten haben pädagogische Fachkräfte in der Kindertagesstätte?

Auch für die Unterstützung traumatisierter Kinder kann in der Kindertagesstätte ein wichtiger Beitrag geleistet werden:

1. Aspekte für den Aufnahmeprozess

  • Willkommenskultur;
  • Erleben von Sicherheit gebenden Beziehungen;
  • Unterstützung der Kommunikation (Dolmetscher*innen, Kartenmaterial, Lernen einiger für den Alltag wichtige Wörter auf Ukrainisch);
  • Schaffung von möglichst viel Transparenz und Vorhersehbarkeit;
  • Individuelle Gestaltung der Eingewöhnung, warten, bis Eltern und Kind sich wirklich sicher fühlen;
  • Verständnis für mögliche Schwierigkeiten, Erklärungen und Sicherheit geben.

2. Beruhigen des Stresssystems/Co-Regulation

  • Die Vermittlung von Sicherheit und das Beruhigen des Stresssystems stehen im Vordergrund jeglicher Interventionen (vgl. Scherwath/Friedrich 2020, S. 74).
  • Die Beruhigung eines stressbedingt aggressiv agierenden Kindes ist deshalb keine Belohnung, sondern eine Notwendigkeit! Dafür müssen ggf. Regeln und Strukturen individuell angepasst werden.

3. Umgang mit traumabedingtem Wiedererleben und Kriseninterventionen

  • Reorientierung ins Hier und Jetzt bei jeglicher Form von traumabedingtem Wiedererleben am besten z. B. über Ablenken, Wechseln der Tätigkeit, klare freundliche Ansprache, Hinweise auf alles, was man sehen, hören, spüren kann, Anbieten von interessanten Spielmaterialien.
  • Kein inhaltliches Thematisieren der Erlebnisse! Wenn das Kind von sich aus etwas berichtet oder malt, ist das in Ordnung, solange es dabei in Kontakt mit uns bleibt und es nicht zu belastet wirkt.
  • Bei unkontrollierbaren aggressiv wirkenden Verhaltensweisen das Kind beruhigen und reorientieren. Regelverletzungen erst später thematisieren, wenn das Stresssystem wieder beruhigt ist
  • Erstarrungszustände erkennen und das Kind vorsichtig und liebevoll reorientieren.

4. Unterstützung beim (Wieder-)Aufbau von Handlungsfähigkeit

  • Trauma bedeutet das existenzielle Erleben von Handlungsunfähigkeit. Das Wiedererleben seiner eigenen Handlungsfähigkeit im Alltag ist daher zentral.
  • Dafür bedarf es einer Anpassung der Anforderungen, sodass sie leistbar sind, sonst kann das Kind sich nicht handlungsfähig fühlen.
  • Erfahrungen u. a. von Selbstwahrnehmung, Kreativität, Bewegung, Spiel, Spaß, Freundschaften: Hier bietet der Alltag einer Kindertagesstätte vielfältige wertvolle Angebote, die Kindern nach extremen Belastungserfahrungen sehr zugute kommen. (Arbeitsmaterial und weitere Informationen dazu in Kühn/Bialek 2017).

Fazit

Der Besuch einer Kindertagesstätte kann besonders für Kinder nach (flucht- und kriegsbedingten) traumatischen Lebenserfahrungen eine große Chance sein, denn hier können sie Erfahrungen machen, die ihnen neue Sicherheiten geben. Dies ist die Voraussetzung für Entwicklungs- und Neuorientierungsprozesse, besonders wenn diese in einer völlig neuen und fremden Kultur stattfinden sollen. Wird dies mit einer traumasensiblen Haltung begleitet, ist in der Kindertagesstätte alles vorhanden, was Familien in diesen Krisenzeiten bestmöglich unterstützt!

Autorin

Julia Bialek

Dipl. Pädagogin, HP für Psychotherapie, Traumatherapeutin, Traumapädagogin/Traumafachberaterin, systemische Familientherapeutin, ist Mitgesellschafterin und Referentin am Traumapädagogischen Institut Norddeutschland (www.tra-i-n.de) und Dozentin an der Universität Bremen im Fachbereich „Inklusive Pädagogik“.

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