Digitalisierung: Ein tiefgreifender Wandel auch für Kindertageseinrichtungen
Recht & Verwaltung18 August, 2022

Digitalisierung: Ein tiefgreifender Wandel auch für Kindertageseinrichtungen

Dimensionen der Digitalisierung. Kinder und digitale Medien – das galt lange eher als Gegensatz und nicht als gute Ergänzung. Bei der Diskussion über Digitalisierung in der Bildung, standen Schulen und Hochschulen mit Mittelpunkt, nicht aber Kindertageseinrichtungen (z. B. Albrecht & Revermann, 2016; Kultusministerkonferenz, 2016). Doch das hat sich geändert. Heute wird auch jenseits von Fachdiskursen vermehrt über die Bedeutung der Digitalisierung für die Elementarstufe des Bildungssystems nachgedacht (z. B. Aktionsrat Bildung, 2018; Heider-Lang & Merkert, 2019).

Prof. Dr. Helen Knauf, Professorin für Bildung und Sozialisation im Kindesalter an der Fachhochschule Bielefeld

Diese jüngeren Diskurse zur Digitalisierung knüpfen an eine lange Tradition kindheitspädagogischer Arbeiten zu Medienbildung (Überblick bei: Trabandt, 2019) und zur Mediennutzung in der Familie (Fleischer, 2019) an. Diese Diskurse aber verstehen Digitalisierung vorwiegend als Einsatz digitaler Geräte in der medienpädagogischen Arbeit mit Kindern. Es entsteht der Eindruck, Digitalisierung erschöpfe sich im bloßen Vorhandensein eines digitalen Endgeräts und in der Umstellung einiger analoger Aktivitäten auf digitales Tun.

Jedoch ist Digitalisierung deutlich komplexer. Die Durchdringung unseres Alltags mit digitaler Technik hat tiefgreifende Auswirkungen auf unsere Kommunikation, unser Handeln und damit das gesamte Zusammenleben. Deswegen ist es wichtig, insbesondere auch in Bildungseinrichtungen wie Kitas die vielschichtigen Prozesse, die mit der Nutzung digitaler Medien verbunden sind, umfassender in den Blick zu nehmen. Medienbildung und die unmittelbare medienpädagogische Arbeit mit Kindern ist dabei nur ein Element. In anderen Bereichen des Kita-Alltags ist die Digitalisierung nämlich bereits zu einem selbstverständlichen Werkzeug geworden oder ist gerade dabei, ein solchen zu werden. Hierzu zählt zunächst ganz schlicht digitale Infrastruktur und die damit verbundene Unterstützung durch Beratung und technische Hilfestellung. Hinzu kommen Organisation und Management im Kontext der Verwaltung der Einrichtung. Und schließlich die Vor- und Nachbereitung der pädagogischen Arbeit inklusive Reflexion und (Weiter-)Bildung sowie die Kommunikation mit Eltern. Im Folgenden werden diese Dimensionen der Digitalisierung in Kindertageseinrichtungen sowie die damit verbundenen Auswirkungen beschrieben.

Digitale Infrastruktur

Computer und Tablets sind ein grundlegender Baustein für die Arbeit in Kindertageseinrichtungen. Hinzu kommt ein verlässlicher, einigermaßen leistungsstarker (kabelloser) Internetzugang. Doch auch einfachere Geräte, wie etwa eine Digitalkamera oder ein digitaler Bilderrahmen gehören zum Rüstzeug einer Kita, etwa um die Arbeit zu dokumentieren und mit Kindern und Eltern zu reflektieren. Nach wie vor sind viele Kitas jedoch nur rudimentär mit digitalen Geräten und Netzzugang ausgestattet (Knauf, 2019a). Bislang haben Träger, aber teilweise auch Fachkräfte und Eltern, oftmals die Notwendigkeit von Investitionen in diesen Bereich nicht gesehen. Und auch die notwendige Unterstützung durch Beratung und technische Hilfestellung ist für viele Einrichtungen nicht in genügendem Maße vorhanden. Der für Schulen geforderte „Digitale Hausmeister“ ist auch für Kindertageseinrichtungen unverzichtbar. Erst wenn die digitale Infrastruktur nicht mehr selbst Arbeit verursacht (etwa durch Installation und Wartung), sondern die Arbeit in den Kernaufgaben erleichtert, ergibt Digitalisierung Sinn.

Organisation und Management

Für administrative Tätigkeiten ist digitale Hard- und Software seit langem fest etabliert. Personaleinsatz, belegte und freie Kitaplätze, Abrechnung von Kitagebühren, Material- und Essensgeld oder auch Berichte an den Träger werden heute fast überall ganz selbstverständlich am Computer erledigt. Auch Buchung und Vergaben eines Kitaplatzes geschehen in vielen Kommunen heute digital. Digitalisierung in diesem Bereich hat an vielen Stellen zu einer effizienteren und teils auch transparenteren Organisation geführt. Vor allem hat sich dadurch aber auch der Arbeitsalltag von Kitaleitungen verändert. Auch wenn sie sich größtenteils ursprünglich für einen Beruf entschieden haben, in dem die Arbeit mit Kindern im Mittelpunkt steht, verbringen gerade sie heute viel Zeit am Computer (Knauf & Wieland, 2021).

Vor- und Nachbereitung der pädagogischen Arbeit

Zu einem Projektthema recherchieren, Bastelanleitungen und Malvorlagen heraussuchen, einen Liedtext heraussuchen – all dies sind charakteristische Tätigkeiten bei der Vor- und Nachbereitung der pädagogischen Arbeit in der Kita – Tätigkeiten, die typischerweise heute mit Hilfe des Internet erledigt werden. Hinzu kommt die Nutzung von Textverarbeitungsprogrammen für die Erstellung von Dokumentationen, Elternbriefen oder Berichten. Immer weitere Verbreitung finden zudem Apps, mit denen Beobachtung und Dokumentation über ein Tablet oder Smartphone durchgeführt werden können (Schönborn & Kuhl, 2020). Selbst die Kommunikation mit Eltern findet zunehmend (auch) über E-Mail oder Nachrichten-Apps statt. Nicht zu unterschätzen ist auch die Fort- und Weiterbildung, bei der digitale Formate an Bedeutung gewinnen. Gerade durch die Kontaktbeschränkungen während der Corona-Pandemie hat sich das Angebot an Seminaren und Workshops via Videokonferenz und Lernplattform deutlich ausgeweitet.

Insgesamt haben auch für die mittelbare pädagogische Arbeit digitale Werkzeuge an Bedeutung gewonnen. Dies trägt zur Professionalisierung und sicher oft auch zu mehr Effizienz bei: Angefangen bei der leichteren Zugänglichkeit von Informationen über eine oftmals gestiegene Systematik bis hin zu einem einheitlichen Layout.

Betrachtet man die digitale Dokumentation – etwa im E-Portfolio – dann bringt diese Nutzung mit sich, dass man sich auf die Logik (und vielleicht die hidden agenda) dieser App einlässt. So entstehen möglicherweise weniger individuelle und stärker standardisierte Dokumentationen. Digitalisierung bedeutet zudem, dass digitale Geräte ständig präsent sind und dadurch möglicherweise stets eine zweite Ebene mitläuft, die das vollkommene Sich-Einlassen auf eine Situation erschwert oder verhindert.

In Hinblick auf das Zusammenwirken verschiedener Lebensbereiche können digitale Geräte auch eine Entgrenzung mit sich bringen: Das Mobilgerät, in dem man schnell etwas nachschauen kann, ist auch in der Freizeit dabei, der digitale Kurzworkshop passt noch in den Feierabend und die Notizen zu einer besonders schönen Szene im Außengelände oder die Nachricht an die Eltern kann man noch schnell in der Pause machen. Die Grenze zwischen Arbeit und Privatleben, die bei vielen engagierten pädagogischen Fachkräften sowieso nicht klar gezogen ist, verschwimmt weiter.

Medienbildung

Die medienpädagogische Arbeit hat in den vergangenen 20 Jahren eine Fülle von Methoden und Projektideen hervorgebracht. Hervorzuheben sind hier insbesondere produkt- und produktionsorientierte Ansätze. Digitale Geräte und Apps machen es gerade auch jungen Kindern leicht, selbst etwas herzustellen: Ein Foto, einen Film, eine Präsentation. Hinzu kommt umfangreiches – ganz analoges – Material, mit dem die Auseinandersetzung der Kinder mit dem Digitalen angeregt werden kann: Bilderbücher zur Funktionsweise von Computern oder zur Mediennutzung (z. B. Wockenfuß & Messing, 2019) können ebenso genutzt werden wie leicht zu programmierende Roboter (z. B. Dash & Dot von Wonderworkshop) oder die Prinzipien des Coding veranschaulichende Spielgeräte (z. B. Coding Architekt von Wehrfritz)

Und natürlich findet medienpädagogische Arbeit auch alltagsintegriert statt: Wenn etwas recherchiert werden muss und dafür das Internet genutzt wird. Wenn ein offizieller Brief geschrieben werden soll, kann der Computer eingesetzt werden. Oder wenn für ein Projekt Fotos gemacht werden sollen. Auf diese Weise werden digitale Medien als Werkzeuge sichtbar und eben nicht als Selbstzweck oder reine Unterhaltungsmaschinen.

Hier geht es einfach um das richtige Maß.

Fazit

Die Identifikation und Analyse der unterschiedlichen Dimensionen von Digitalisierung in der Kita macht deutlich, dass es sich bei diesen Veränderungen um einen umfassenden Transformationsprozess handelt. Ein Prozess, der bereits vor vielen Jahren angefangen hat und der sich weiter fortsetzen wird.

Für Fachkräfte, Einrichtungen und Träger ist es wichtig, diese Veränderungsprozesse aufmerksam zu beobachten. So lassen sich etwaige unerwünschte Nebeneffekte wie etwa das Anwachsen des Zeitaufwandes für Bedienung und Wartung digitaler Technik, Standardisierung von Dokumentation oder die weitere Entgrenzung von Arbeit und Freizeit verhindern oder zumindest begrenzen. Diese Aufmerksamkeit ist auch notwendig, um die mit der Digitalisierung verbundenen Chancen zum Wohle aller Beteiligter nutzen zu können.

Hinweis

Erfahren Sie mehr zum Thema „Digitalisierung in der Kita“ in der Ausgabe 4-2021 der KiTa aktuell spezial.

Literatur

Aktionsrat Bildung (2018). Digitale Souveränität und Bildung. (Verband der Bayerischen Wirtschaft e.V., Hrsg.). Münster: Waxmann.
Albrecht, S., & Revermann, C. (2016). Digitale Medien in der Bildung. Berlin: Büro für Technikfolgen-Abschätzung.
Fleischer, S. (2014). Medien in der Frühen Kindheit. In A. Tillmann, S. Fleischer, & K.-U. Hugger (Hrsg.), Handbuch Kinder und Medien (S. 303–311). Wiesbaden: Springer VS.
Heider-Lang, J., & Merkert, A. (Hrsg.). (2019). Digitale Transformation in der Bildungslandschaft - den analogen Stecker ziehen? Augsburg/München: Rainer Hampp.
Knauf, H. (2019a). Digitalisierung in Kindertageseinrichtungen. Verfügbar unter: https://www.pedocs.de/volltexte/2019/17999/pdf/Knauf_2019_Digitalisierung_in_Kindertageseinrichtungen.pdf
Knauf, H. (2019b). Kita 2.0. Potenziale und Risiken der Digitalisierung in Kindertageseinrichtungen Aus Politik und Zeitgeschichte, 69(27–28), 36–41.
Knauf, H. (2020). Digitalisierung in Kindertageseinrichtungen – das Beispiel Bildungsdokumentation aus der Perspektive pädagogischer Fachkräfte in Deutschland und Neuseeland. Erscheint in: Zeitschrift für Padagogik 2/2020.
Wieland, M. & Knauf, H. (2021). „Mitarbeiter zu bewegen, gehört zu meinem täglichen Brot“ – Kita-Leitungen als Change Agents in Veränderungsprozessen. Frühe Bildung
Kultusministerkonferenz (2016). Bildung in der digitalen Welt. https://www.kmk.org/fileadmin/Dateien/pdf/PresseUndAktuelles/2017/Strategie_neu_2017_datum_1.pdf. [24.03.2021].
Reichert-Garschhammer, E. (2019). Digitale Transformation im Bildungssystem Kita. In J. Heider-Lang & A. Merkert (Hrsg.), Digitale Transformation in der Bildungslandschaft - den analogen Stecker ziehen? (S. 26–51). Augsburg/München: Rainer Hampp
Schönborn, H., & Kuhl, P. (2020). Dokumentation in Kindertagesstätten: Eine Bestandsaufnahme unter besonderer Berücksichtigung von digitalen Medien und Dokumentations-Apps. MedienPädagogik - Zeitschrift für Theorie und Praxis der Medienbildung, 168-189. https://doi.org/10.21240/mpaed/00/2020.10.01.x
Trabandt, S. (2019). Tablets in Kindertagesstätten. MedienPädagogik. doi:10.21240/mpaed/00/2019.02.26.X.
Wockenfuß, B. & Messing, S. (2019). Lotta und Klicks. Hamburg: Oetinger.

Bildnachweis: Мария Фадеева/stock.adobe.com
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