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Recht & Verwaltung14 Juni, 2021

Die Pandemie bewegt die Menschen – doch die Kinder bleiben sitzen!

von Prof. Dr. Renate Zimmer | Erziehungswissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt Frühe Kindheit und Professorin für Sportwissenschaft an der Universität Osnabrück. Mitbegründerin und bis 2018 Direktorin des Niedersächsischen Instituts für frühkindliche Bildung und Entwicklung (nifbe)

Die Welt-Gesundheitsorganisation (WHO) warnte schon 2019: Kinder und Jugendliche bewegen sich zu wenig, fast 80 % sind von Bewegungsmangel betroffen. Die Corona-Pandemie hat diese Tendenz noch verstärkt: Der Medienkonsum steigt, Bildschirmzeit – im Sitzen - nimmt zu, körperliche Aktivitäten werden geringer. Hinzu kommt die soziale Isolation, unter der vor allem Kinder leiden. Welche Folgen dies für die Entwicklung von Kindern hat und wie die Kita einen Beitrag zur Lösung leisten kann, soll der folgende Beitrag zeigen.

Für Kinder ist Gesundheit kein Grund, sich zu bewegen, Bewegung ist für sie ein elementares Bedürfnis, Zeichen ihrer Vitalität, ihrer Lebendigkeit und Lebensfreude. Toben, Rennen, Klettern und Springen gehört zu ihren bevorzugten Betätigungsformen – am liebsten gemeinsam mit anderen Kindern. Aber gerade diese elementaren Bedürfnisse nach körperlicher Aktivität und nach Sozialkontakten sind nun über einen langen Zeitraum infolge der pandemiebedingten Vorschriften erheblich eingeschränkt worden. Spielplätze waren geschlossen, Kitas konnten nur Notbetreuung anbieten, Schwimmbäder müssen ihren Betrieb immer noch einstellen. Und auch nachdem die Spielplätze wieder geöffnet haben, ist bei den Kindern ein merkwürdiges Verhalten zu beobachten. Anstatt sich gemeinsam auf der Rutsche zu drängen oder das Klettergerüst zu mehreren Kindern zu erobern, gehen sie auf Abstand – ganz wie sie es von ihren Eltern gelernt haben: Distanz halten, sich nicht zu nahekommen – ein für Kinder eher ungewöhnliches Verhalten. Kinder brauchen den Kontakt mit anderen, brauchen ihre körperliche Nähe, schauen sich gerne ab, was andere wagen, sie spielen mit- und gegeneinander, die soziale Interaktion ist Motor für vielfältige Lernprozesse. Wenn sie fehlt, besteht die Gefahr der Vereinsamung, die Erwachsenen, Eltern oder pädagogische Fachkräfte sind keine adäquaten Spielpartner*innen.

Bewegung – Voraussetzung für Gesundheit und Wohlbefinden

In keinem Lebensabschnitt entwickelt sich der Mensch so rasch und so umfassend wie in der Kindheit. Bewegung fungiert dabei im Bereich der körperlichen Entwicklung als notwendiger biologischer Entwicklungsreiz: Über Bewegungsaktivitäten wird der Haltungs- und Bewegungsapparat gestärkt, das Herz-Kreislauf-System wird herausgefordert, die Muskulatur erhält Wachstumsreize, die Knochenstruktur wird gefestigt. Bewegung legt also die Basis für eine gesunde Entwicklung und ist Voraussetzung für physisches und psychisches Wohlbefinden. Gleichzeitig reagiert der kindliche Organismus aber auch sehr sensibel auf den Mangel an Herausforderungen und Anpassungsleistungen.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat aktuell Leitlinien zur körperlichen Aktivität von Kindern herausgegeben. Für ein gesundes Aufwachsen von Kindern werden u.a. folgende Empfehlungen ausgesprochen: Säuglinge und Kleinkinder sollen sich so viel wie möglich bewegen und so wenig wie möglich in ihrem natürlichen Bewegungsdrang eingeschränkt werden. Kinder im Alter von ein bis vier Jahren sollen sich mindestens 3 Stunden täglich bewegen, bei den Kindern über drei Jahren sollten darin auch mindestens 60 Minuten mit mittlerer und größerer Anstrengung enthalten sein. Sie sollten nicht über einen längeren Zeitraum hinweg sitzen (mehr als eine Stunde). Von der Nutzung eines Fernsehers oder Tablets rät die WHO bis zum zweiten Lebensjahr grundsätzlich ab. Danach sollte eine Bildschirmzeit von einer Stunde täglich nicht überschritten werden. Für Kinder und Jugendliche im Alter von 5 bis 17 Jahren werden täglich mindestens 60 Minuten körperlicher Aktivität mit mittlerer bis starker Intensität empfohlen (WHO 2019). 

Studienergebnisse zu den Bewegungsaktivitäten von Kindern

Diese Empfehlungen der WHO werden von einem großen Teil der Kinder nicht erreicht. Das Robert Koch-Institut (RKI) ermittelt im Rahmen der KiGGS-Studie seit 2003 bundesweit Daten zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Das darin enthaltene Motorik-Modul erfasst in regelmäßigen Abständen die motorische Leistungsfähigkeit und die körperlich-sportliche Aktivität. Die Ergebnisse dieser Studie machen deutlich, dass die o.a. Empfehlungen zur körperlichen Aktivität nicht annähernd umgesetzt werden. Lediglich 22,4 % der Mädchen und 29,4 % der Jungen bewegen sich am Tag mindestens eine Stunde. Mit zunehmendem Alter wird dies noch weniger. Mädchen sowie Kinder aus Familien mit niedrigem sozioökonomischem Status sind besonders betroffen (Woll et al. 2019).

Die Corona Pandemie hat diese Entwicklung noch verstärkt: Kinder und Jugendliche bewegen sich weniger und verbringen deutlich mehr Zeit vor dem Bildschirm. Besonders besorgniserregend ist, dass dies auch schon bei ganz jungen Kindern zutrifft.
In Zeiten der zunehmenden Belastungen der Eltern durch Homeoffice und Homeschooling werden Kinder (noch) häufiger als sonst vor dem Fernseher oder Smartphone „geparkt“. Hier sind sie zuverlässig wenigstens eine Zeit lang beschäftigt, sitzen still und gebannt vor dem Bildschirm, aber der Schein trügt: Die aufgenommenen Reize, die Vielzahl der Eindrücke, die rasch wechselnden Informationen müssen verarbeitet werden. Hierfür brauchen die Kinder erst recht Bewegung. Wird diese unterdrückt (weil die Wohnung zu klein, zu lärmempfindlich, die Regeln zu restriktiv oder die Nerven der Eltern gereizt sind) – werden die Kinder unruhig, aufgedreht, zeigen Züge von Hyperaktivität.

Soziale Ungleichheiten werden durch die Pandemie verstärkt

Für viele Kinder gehören Tablet, PC, Smartphone und TV schon von klein auf zur täglichen Selbstbeschäftigung, durch die Corona-Pandemie ist diese Tendenz noch verstärkt worden. Über Monate zur Passivität verurteilt worden zu sein, hat zwangsläufig Folgen. Dabei sind Kinder aus sozial schwachen Familien, die in beengten räumlichen Verhältnissen leben, besonders betroffen. Der sozioökonomische Status hat einen erheblichen Einfluss auf die alltägliche Lebenssituation – auch auf das Bewegungsverhalten und den Medienkonsum.
Ein Ausgleich außerhalb der Familie fehlt, wenn auch die Sportangebote der Vereine wegfallen, Schwimmbäder geschlossen sind, Spielplätze nur eingeschränkt genutzt werden können.

Physische und psychische Folgen des Bewegungsmangels

Die beschriebene Entwicklung ist alarmierend: Bewegungsmangel in der Kindheit führt häufig zu einem inaktiven Lebensstil im Jugend- und Erwachsenenalter, dieser gehört zu den größten gesundheitlichen Risikofaktoren (Völker 2008). Viele Zivilisationserkrankungen, unter denen Erwachsene leiden (Bluthochdruck, Diabetes, Osteoporose) haben ihren Ursprung in der Kindheit und sind auf einen Mangel an Bewegung zurückzuführen.

Zu den Indikatoren für die Auswirkungen von Bewegungsmangel gehört auch die Zunahme der Prävalenz von Übergewicht und Adipositas. Nach der KiGGS-Studie liegt der Anteil von übergewichtigen Kindern bei den 3- bis 6-jährigen Mädchen bei 10,8 Prozent und bei den Jungen bei 7,3 Prozent. Diese Werte steigen mit zunehmendem Alter an. Auch hier ist eine höhere Gefährdung von Kindern aus sozial benachteiligten Familien zu erkennen (Schinkiewitz u.a. 2018).Nicht nur die physische Gesundheit der Kinder ist durch die coronabedingten Einschränkungen des Alltags gefährdet, auch ihre psychische Gesundheit ist betroffen. Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, die Ausbildung des Bewusstseins der eigenen Kompetenz und des „Selbstwertes“ sind gerade in den ersten Lebensjahren abhängig von der Art und Weise, wie das Kind sich in seiner Körperlichkeit erlebt. Über die Erfahrungen, die es mit seinem Körper macht, entwickelt es ein Bild von den eigenen Fähigkeiten, es erhält eine Vorstellung von seinem „Selbst“. Personale Ressourcen wie ein positives Selbstkonzept, Kompetenzbewusstsein und psychische Stabilität gelten als Schutzfaktoren zur Bewältigung von Belastungssituationen (Zimmer 2019). Sie werden aufgebaut in Situationen, in denen Kinder erleben, dass sie selbst etwas bewirken können, dass sie das Resultat einer Handlung als selbst verursacht erleben, dass sie eine Situation unter Kontrolle haben. Auf eine Mauer steigen, einen Ball in ein Tor schießen, über einen Graben springen, Roller fahren – diese Erfahrungen tragen dazu bei, dass Kinder lernen, sich einzuschätzen und mit Risiken umzugehen. Sie erleben, dass sie imstande sind, etwas zu leisten und dass Anstrengung den Erfolg näherbringt. Fehlen solche Gelegenheiten über einen längeren Zeitraum, besteht die Gefahr, dass die Kinder an Antriebskraft verlieren, dass sie sich hilflos fühlen und aus Angst vor Misserfolg Herausforderungen eher meiden.
Derzeit entstehen nicht nur bei Erwachsenen, sondern auch bereits bei Kindern resignative Tendenzen. So äußert sich Tom (6 J.): „Ich kann ja nichts machen, allein Fußballspielen macht keinen Spaß, dann hole ich eben das Handy meiner Mutter und gucke eine Serie“.

Eigenaktivität stärken – Alternativen schaffen: Aufwertung des Draußenspielens

Welche Auswege gibt es aus dieser Sackgasse? Wie kann die Kita dazu beitragen, den Kindern Chancen auf Erfüllung ihrer elementaren Bedürfnisse nach Bewegung, Aktivität, Selbstwirksamkeit und sozialem Austausch zu geben? Wie können pädagogische Fachkräfte Eltern darin unterstützen, auch im familiären Umfeld Gelegenheiten für einen aktiven Alltag zu schaffen?

Die Corona-Pandemie hat – bei allen Einschränkungen – zumindest eine positive Begleiterscheinung: Die Aufwertung des Aufenthalts an der frischen Luft, des Spielens und sich Bewegens im Freien. Draußen spielen – das wusste man immer schon – ist gesund und härtet ab, stärkt das Immunsystem. Aber jetzt gibt es ein neues, vielfach belegtes Argument:

Draußen haben die Viren weniger Chancen, sich zu verbreiten, die Ansteckungsgefahr sinkt. Nach Aussagen der Aerosolforscher ist die Infektionsgefahr im Freien deutlich geringer als in Innenräumen, insbesondere wenn man im Freien auch noch in Bewegung ist. Die Empfehlung lautet also: So häufig wie möglich mit den Kindern Orte im Freien aufsuchen, den Wald, den Park, Wiesen, das Außengeländer der Kita oder den benachbarten Sportplatz.

Und das zu jeder Jahreszeit. Die Empfehlungen der WHO könnten entsprechend ergänzt werden: Jedes Kind sollte sich täglich mindestens drei Stunden bewegen, davon sollte es mindestens zwei Stunden draußen verbringen.

Draußen gemeinsam spielen, toben, rennen ist für die Kinder attraktiver als das Sitzen vor den Bildschirmmedien. Mit dem Draußenspielen sind für die Kinder auch sehr sinnhafte und bedeutungsvolle Tätigkeiten verbunden: Holz stapeln, ein Beet anlegen, Erde umgraben, nach Maulwurfshügeln Ausschau halten, über Mauern balancieren, aus Pappkartons eine Stadt bauen und auf Schatzsuche gehen. Draußenspielen kann auch zu einer Renaissance der alten Spiele führen: Fangen und Verstecken, Zehnerprobe mit dem Ball, Nachlaufspiele, Seilspringen … Kinder brauchen gerade jetzt solche Herausforderungen, die ihnen die Lust an der körperlichen Eroberung der Welt zugestehen. Und ganz nebenbei kommt es zu einer Stärkung der psychomotorischen Kompetenzen: Beim Klettern wird die Bewegungskoordination geübt, beim Fangenspielen die Reaktion, beim Balancieren auf Mauern und über Steine das Gleichgewicht.

Die Natur bietet Freiheit und Grenzen zugleich

Die Natur bietet Freiheit – nirgendwo sonst kann man sich so wild austoben, rennen und springen – gleichzeitig setzt sie jedoch auch Grenzen. Man muss sich ihr anpassen, sich auf sie einstellen. Den Regen kann man nicht aufhalten, weil es einem gerade nicht passt, aber man kann sich auf ihn einlassen und z.B. die Spuren, die er hinterlässt, zum Spiel nutzen.

Draußenspielen setzt kreative Kräfte frei und weckt die Fantasie. Materialien und Dinge, die die Kinder in Natur finden, werden zu Spielmaterialien, Stöcke, Steine und Blätter werden zum Bauen, Gestalten und in Rollenspielen eingesetzt. Das Gestalten und Bauen mit selbst gesammelten Materialien ermöglicht Erfahrungen von Selbstwirksamkeit: Durch das eigene Handeln werden Veränderungen erlebt – sie sind auf die eigene Anstrengung, das eigene Tun zurückzuführen und stärken das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.

Sinnhaftes und sinnliches Tun

Kinder sind sinnenreiche Wesen – auch wenn ihre Umwelt immer abstrakter und digitaler wird. Der Baum weckt das Interesse des Kindes nicht als eindimensionale Abbildung auf dem Bildschirm (auf dem dann – in pädagogischer Absicht – verschiedenen Bäumen Blätter, Äste und Rinde zugeordnet werden können!). Ein Baum ist vielmehr eine körperlich-sinnliche Herausforderung, er ermöglicht Grenzerfahrungen, Abenteuer in der Bewältigung, beim Klettern und Balancieren, beim Riechen und Fühlen. Der Baum fordert zum Handeln heraus, er weckt die Neugierde, ihn auf vielfältige Weise zu entdecken und zu erobern.

Authentisches Lernen findet nicht im Sitzen vor dem Tablet, Smartphone oder Bildschirm statt, sondern in der realen Welt, die es zu entdecken gilt. Es ist an konkretes Handeln gebunden, an Situationen, in denen die Kinder selbst aktiv werden können, in denen sie ihrem großen Entwicklungsthema, sich die Welt anzueignen, nachkommen können. Gerade in einer Zeit, in der sich alles um die digitale Vernetzung dreht, in der den Kindern durch das Verhalten der Erwachsenen die Bewegungsarmut des Alltags vorgelebt wird, sollten sich die Kindertageseinrichtungen ihrer Bedeutung als Ort für den Gewinn vielfältiger sinnhafter Erfahrungen und authentischer Erlebnisse bewusst werden.

Fazit

Draußen mit den Kindern spielen trägt auch dazu bei, dass auch pädagogische Fachkräfte dem Infektionsrisiko weniger ausgesetzt sind. Und letztlich hat sich die WHO ebenfalls zur Aktivität der Erwachsenen geäußert: Um gesund zu bleiben, sollten Erwachsene sich mindestens 150 Minuten pro Woche im Alltag bewegen oder alternativ mindestens 75 Minuten Sport treiben. Einen Teil dieser Zeit könnten pädagogische Fachkräfte wie Eltern doch ganz einfach mit den Kindern spielend im Freien genießen.

 

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Erziehungswissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt Frühe Kindheit und Professorin für Sportwissenschaft an der Universität Osnabrück. Mitbegründerin und bis 2018 Direktorin des Niedersächsischen Instituts für frühkindliche Bildung und Entwicklung (nifbe)

 

Prof. Dr. Renate Zimmer

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