Gewaltprävention in der Kindertagesbetreuung
Recht & Verwaltung15 Oktober, 2021

Gewaltprävention in der Kindertagesbetreuung

Aggressivem Verhalten von Kindern frühzeitig begegnen

Kinder, die durch aggressives Verhalten auffallen, stellen oft eine Herausforderung für Familien und pädagogische Fachkräfte dar und betroffene Kinder leiden häufig selbst unter den gezeigten Verhaltensweisen. In den letzten Jahren sind eine Reihe von Programmen entstanden, die Fachkräfte und Familien präventiv dabei unterstützen, durch entwicklungsbezogene Präventionsprogramme die Risikofaktoren zu minimieren und frühzeitig negative Kettenreaktionen zu unterbrechen bzw. zu verhindern. Der Beitrag zeigt den Ansatz exemplarisch anhand des Projekts »Gewaltprävention im Kindesalter«.
Bei der Befragung von Eltern 3- bis 5 Jahre alter Kinder im Rahmen der groß angelegten »Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland« gaben bei der 2. Befragungswelle in den Jahren von 2014 bis 2017 17,2% an, ihr Kind zeige psychische Auffälligkeiten (Klipker u.a. 2018, S. 39). Ein Teil dieser Kinder fällt durch aggressives Verhalten auf. Bei den meisten Jungen und Mädchen verschwinden die Auffälligkeiten mit der Zeit wieder. Es gibt aber eine kleine Gruppe, bei denen sich dieses Verhalten dauerhaft manifestiert. Sie werden in der kriminologischen Literatur als »early starters« bezeichnet. Der Begriff wurde Anfang der 80er Jahre von Gerald R. Patterson geprägt. Ein solcher Verlauf wird vor allem bei Jungen beobachtet (Lück u.a. 2005, S. 12 ff.). Die Kinder, ihre Familien und ihr Umfeld leiden in der Regel unter diesem Verhalten und seinen Auswirkungen. Für die Gesellschaft entstehen dadurch zum Teil hohe Folgekosten. Grund hierfür ist der Umstand, dass diese »early starter« ohne zusätzliche Unterstützung und Gegenmaßnahmen im weiteren Verlauf nicht »nur« mit aggressiven Verhaltensweisen sondern auch durch Straftaten auffällig werden können. Dieser relativ geringe Teil der Bevölkerung ist später für einen recht großen Anteil der Gewalt- und Straftaten verantwortlich (Weitekamp et al. 1995).

Unabhängig von dieser kleinen Gruppe von Kindern sehen sich viele Kita-Fachkräfte mit einer wachsenden Zahl von Kindern konfrontiert, die mit herausfordernden und auch aggressiven Verhaltensweisen auffallen. Immerhin berichteten bei einer Befragung von Fachkräften aus zehn Kitas der Metropolregion Rhein-Neckar 75% von Verhaltensweisen der Kinder, die sie als herausfordernd erleben (Fröhlich-Gildhoff u.a. 2019). Da viele dieser Kinder keine Eingliederungshilfe oder andere Unterstützungsmaßnahmen erhalten, fehlen aus Sicht der Kitas deshalb oftmals die personellen und räumlichen Voraussetzungen, um ihnen und der gesamten Kindergruppe gerecht zu werden. Dieses Phänomen tritt übergreifend auf und ist keine Besonderheit von einzelnen Stadtteilen oder Regionen. Hinzu kommt, dass der vergleichsweise kleine Teil der Kinder mit besonders herausforderndem Verhalten ein großes Maß an Aufmerksamkeit und psychischer Energie der Fachkräfte fordert. In einigen Fällen drohen die Eltern der anderen Kinder mit Kündigung des Betreuungsvertrages, wenn die Kita deren Kinder nicht vor den aggressiven Attacken der auffälligen Kinder schützt. Diese Studienergebnisse und Erfahrungen von Praktiker*innen unterstreichen noch einmal die Relevanz des Themas für die tägliche Arbeit in den Kitas. Ein großer Teil der Fachkräfte in den Kitas sieht deshalb Maßnahmen, um solchen Verhaltensweisen präventiv zu begegnen, als notwendig an.

Den Kitas wird bezogen auf diese Jungen und Mädchen ein hohes Potenzial zugeschrieben, solche Entwicklungen präventiv abschwächen zu können, da sie sehr viele Kinder erreichen. Bei den 3- bis 6-jährigen Kindern sind es fast 100% (Wahl 2020).

Zur Einordnung des Themas sind zwei weitere Hinweise wichtig: Zum einen gibt es keine allgemein gültige Definition, was genau aggressives Verhalten von Kindern im Kitaalter ist, das über das normale Maß hinausgeht. Zum anderen kann es bei den zu ergreifenden Maßnahmen nicht darum gehen, auf jede aggressive Äußerung der Kinder mit massiven Maßnahmen zu reagieren. In gewisser Weise gehören solche Verhaltensweisen zur kindlichen Entwicklung wie zum Beispiel die sogenannte »Trotzphase« (Bensel u.a. 2020, S. 8 ff.).

Was sind die Ziele von Gewaltprävention in Kitas?

Herausforderndes und über das normale Maß hinausgehendes aggressives Verhalten von Kindern hat nicht allein eine Ursache. Bei der Entstehung solcher Verhaltensweisen spielen neurobiologische Ursachen, das Temperament des Kindes, die Eltern-Kind-Beziehung, soziale Faktoren und auch der Umgang der Fachkräfte damit eine Rolle. Hinzu kommt, dass Risiko- und Schutzfaktoren hierbei miteinander interagieren. In den letzten Jahren ist insbesondere das Wissen über die Schutzfaktoren gewachsen (ebd., S. 11 f.).
Das Ziel der Frühpädagogik muss es in erster Linie sein, die Schutzfaktoren zu fördern. Die Kitas müssen den Kindern die Möglichkeit eröffnen, Selbstwirksamkeitserfahrungen zu machen und Kompetenzen aufzubauen. Dadurch wird das Selbstbewusstsein der Kinder gestärkt. Gleichzeitig ist es erforderlich durch möglichst früh einsetzende entwicklungsbezogene Präventionsprogramme die Risikofaktoren zu minimieren und frühzeitig negative Kettenreaktionen zu unterbrechen bzw. zu verhindern. Dazu müssen Kitas in Einzelfällen mit Einrichtungen wie den Erziehungsberatungsstellen und gegebenenfalls auch mit dem Jugendamt kooperieren, um den Eltern individuelle Hilfeangebote zu eröffnen. Diese Ziele sind Bestandteil einer guten Kitapädagogik.

Welche Maßnahmen bzw. Programme gibt es?

Es gibt mehr als zwei Dutzend Programme zum Umgang mit herausfordernden Verhalten von Kindern in Kitas. Längst nicht all diese Programme sind evaluiert worden. Die vorliegenden Studien weisen jedoch die Wirksamkeit vieler der Angebote nach. Es zeigt sich in den Studien meist ein Rückgang der Verhaltensprobleme der Kinder, eine Steigerung des kindlichen Wohlbefindens, ein bessere Selbstwirksamkeit und ein gesteigertes prosoziales Verhalten der Kinder. Wenn Eltern einbezogen werden, sind bei ihnen ebenfalls ein verbessertes Erziehungsverhalten und ein positiverer Blick auf ihr Kind festzustellen. Auch bei den Fachkräften sind positive Effekte auszumachen: Sie können das kindliche Verhalten besser einordnen, verfügen über mehr Reflexionskompetenz und fühlen sich dadurch sicherer in ihrer Arbeit. Zudem verbessert sich der Zusammenhalt des Kita-Teams und es ist eine erhöhte Kooperation z.B. mit Erziehungsberatungsstellen zu beobachten (Bensel u.a. 2020, S. 25 ff.).

In Niedersachen ist die frei zugängliche Datenbank »Grüne Liste Prävention« entwickelt worden, die einen aktuellen Überblick über die einzelnen Programme und ihre Wirksamkeit bietet. Bevor eine Kita ein Präventionsprogramm anbieten möchte, ist ein Blick auf diese Seite ratsam. Die Programme werden dort in die folgenden drei Kategorien eingeordnet: 1) Die Effektivität ist theoretisch gut begründet. 2) Die Effektivität ist wahrscheinlich. 3) Die Effektivität ist nachgewiesen. Als sehr gut und damit empfehlenswert haben sich die Programme

  • Papilio
  • Kindergarten Plus,
  • Effekt,
  • Wir2
  • PEP und
  • Faustlos
erwiesen (ebd., S. 117). Einige gerade dieser Programme wie Papilio sind in Hamburg bzw. in Norddeutschland weit verbreitet.
In einer Befragung von Kita-Leitungen äußerten diese die folgenden Verbesserungspotenziale:

  • 38% fänden es gut, wenn mehr Wissen über Zweck und Durchführung der Programme vorhanden wäre.
  • 33% wünschten sich weniger Aufwand bei der Durchführung der Programme.
  • 28% halten die Benennung eines Programm-Verantwortlichen für zielführend (Karing/Beelmann 2019, S. 322).

Hamburg und das Projekt »Gewaltprävention im Kindesalter«

Im Jahre 2007 wurde in Hamburg im Rahmen des Konzeptes »Handeln gegen Jugendgewalt« die Maßnahme »Gewaltprävention im Kindesalter«, kurz »GiK« eingeführt, um herauszufiltern, welche Familien spezielle Formen der Unterstützung benötigen. GiK soll das Fundament der kindlichen Entwicklung und der Erziehungskompetenz der Eltern so stärken, dass es nicht weiter zu problematischen Situationen oder gar einer Eskalation kommt. Dies gelingt umso besser, je früher Einfluss auf problematische Entwicklungen genommen werden kann.

Die Zielgruppe von GiK sind Kinder im Alter von 3 bis 13 Jahren, die länger als 6 Monate durch altersunangemessenes aggressives Verhalten aufgefallen sind. Neben den Schulkindern stehen damit auch Kinder im Elementaralter im Fokus. Ziel ist es, das Verhalten der Kinder einzuschätzen und die Ursachen dafür zu ergründen. Dies geschieht anhand einer eigens für diese Maßnahme von Heinz Kindler vom Deutschen Jugendinstitut entwickelten (Otremba u.a. 2014) und durch das Universitätsklinikum Eppendorf evaluierten Diagnostik (Pawils u.a. 2010). Anhand mehrerer Module werden soziale Faktoren, Angaben zum Verhalten des Kindes sowie Ressourcen abgeschätzt. Zudem gibt es Einschätzungsbögen für Schul- und Kita-Personal und für die Eltern. Je nach Alter werden auch die Kinder selbst hinzugezogen. Es wird ein Hausbesuch durchgeführt und es findet eine Beobachtung im Unterricht oder in der Kita statt. Anschließend wird die Wahrscheinlichkeit des sogenannten »Verfestigungsrisikos« des aggressiven Verhaltens anhand einer Punktetabelle abgeschätzt und eine passgenaue Maßnahme vorgeschlagen, wie etwa die Teilnahme an einem der oben genannten bzw. in Hamburg angebotenen Programme teilzunehmen, eine Erziehungsberatungsstelle aufzusuchen oder den Antrag auf eine Sozialpädagogische Familienhilfe gemäß § 31 SGB VIII beim Jugendamt zustellen. Ziel ist es, den Werdegang des Kindes positiv zu beeinflussen und die Familie zu unterstützen. Die Teilnahme der Familien ist freiwillig und setzt die Einwilligung der Sorgeberechtigten voraus. Auch gibt es einige Ausschlusskriterien, wie z.B. eine Kindeswohlgefährdung. Der Schwerpunkt von GiK ist die Früherkennung und damit die Prävention.

In Hamburg wurden für die Maßnahme 18 Vollzeitstellen geschaffen, die Tandems aus Fachkräften des Allgemeinen Sozialen Dienstes und der regionalen Bildungs- und Beratungszentren (ReBBZ) bilden. Die Aufgaben der ReBBZ umfassen die schulbegleitende Beratungs- und Unterstützungsarbeit sowie sonderpädagogische Förderung für die Förderschwerpunkte Lernen, Sprache sowie emotionale und soziale Entwicklung. Bei den Kita-Kindern sind derzeit allein die ASD/GiK-Fachkräfte zuständig, die ebenso wie die ReBBZ/GiK-Fachkräfte, entweder in Fallzuständigkeit oder fachberatend tätig sind.

Die Kitas haben bisher noch recht selten von GiK profitiert bzw. die Hilfe der GiK-Fachkräfte in Anspruch genommen: Im Jahr 2019 wurden 36 und im Jahr 2020 34 Kinder betreut. Derzeit wird in Hamburg deshalb daran gearbeitet, der GiK-Maßnahme zu mehr Bekanntheit zu verhelfen. Seit Mitte des Jahres 2020 sind folgende Maßnahmen ergriffen worden, um für dieses Programm in den Kitas zu werben:

  • Es wurden Runde Tische in ausgewählten Stadtteilen durchgeführt.
  • Es werden eine Handreichung und Informationsmaterialien entwickelt, um GiK und seine Notwendigkeit besser zu erklären.
  • Als wichtiges Thema wurde der Übergang von der Kita in die Schule identifiziert. An diesem Übergang werden viele Probleme offensichtlich.
  • Die sozialräumliche Vernetzung soll u.a. durch die Runden Tische gestärkt werden.

Fazit

Die Gewaltprävention in Kitas ist ein wichtiger Ansatz, um Kindern und Familien frühzeitig zu helfen und abweichenden Entwicklungen vorzubeugen. Die Berichte von Praktiker*innen aus Hamburg belegen, dass aggressive Kinder die Fachkräfte vor große Herausforderungen stellen. Eine verbesserte Praxis ist deshalb auch für die Kitas ein Gewinn.

Literatur

Bensel, J./von Stetten, S./Haug-Schnabel, G. (2020): Sachstandanalyse der im Setting Kindertagesstätte existierenden Maßnahmen zur Gewaltprävention. Erstellt im Auftrag der BAG Mehr Sicherheit für Kinder. Kandern: Unveröffentlichtes Manuskript.
Fröhlich-Gildhoff, K./Strohmer, J./Rönnau-Böse, M./Braner, K./Grasy-Tinius, C. (2019): Herausforderungen: Für Dich? Für mich? Für alle? Herausforderungen durch Verhalten im pädagogischen Alltag professionell bewältigen. Wissenschaftlicher Abschlussbericht. FEVL Verlag: Freiburg. URL: http://zfkj.de/images/Abschlussbericht_HeVeKi_2019.pdf (Zugriff: 26.04.2021).
Karing, C./Beelmann, A. (2019): Präventionsarbeit in Kitas. In: Prävention und Gesundheitsförderung, Jg. 14, Heft 4, S. 319–326. URL: https://link.springer.com/content/pdf/10.1007/s11553-019-00711-w.pdf (Zugriff: 26.04.2021).
Klipker, K./Baumgarten, F./Göbel, K./Lampert, T./Hölling, H. (2018): Psychische Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland – Querschnittsergebnisse aus KiGGS Welle 2 und Trends. In: Journal of Health Monitoring, Ausgabe 3., S. 37–45. URL: https://edoc.rki.de/bitstream/handle/176904/5767/JoHM_03_2018_Psychische_Auffaelligkeiten_KiGGS-Welle2.pdf?sequence=1&isAllowed=y (Zugriff: 26.04.2021).
Lück, M./Strüber, D./Roth, G. (Hrsg.) (2005): Psychobiologische Grundlagen aggressiven und gewalttätigen Verhaltens. Bibliotheks- und Informationssystem der Universität Oldenburg 2005. URL: https://d-nb.info/986182249/34 (Zugriff: 26.04.2021).
Otremba, K./Pooch, M.-T./Kindler, H. (2014): Gewaltprävention im Kindesalter – Validierung des Diagnostikinstruments im Rahmen des Handlungskonzepts gegen Jugendgewalt der Freien und Hansestadt Hamburg (Abschlussbericht). München: Deutsches Jugendinstitut. URL: https://www.dji.de/fileadmin/user_upload/bibs2014/1170_Abschlussbericht_Valdierung_Diagnostikinstrument_Hamburg.pdf (Zugriff: 26.04.2021).
Patterson, G. R. (1982): Coercive Family Process. Eugene, OR: Castalia.
Pawils, S./Schwinn, A./Koch, J./Kuntz. J./Briken, P (2010): Endbericht zur Evaluation der Maßnahme »Gewaltprävention im Kindesalter«. UKE: Hamburg.
Wahl, K. (2020): Frühe Prävention: Teil nachhaltiger Strategien gegen Gewalt. Vortrag zum Jubiläumskongress Deutscher Präventionstag 28. Und 29. September 2020 in Kassel. URL: https://dpt-statisch.s3.eu-central-1.amazonaws.com/dpt-digital/medien/dateien/180/Klaus-Wahl-Fruehe-Praevention-DPT-Kassel-2020.pdf (Zugriff: 26.04.2021).
Weitekamp E./Kerner H.-J./Schindler V./Schubert A. (1995): On the dangerousness of chronic/habitual offenders: A re-analysis of the 1945 Philadelphia birth cohort data. In: Studies on Crime & Crime Prevention, 4, S. 159–175.

Kita-Autor Dirk Bange
Leiter der Abteilung Familie und Kindertagesbetreuung, Behörde für Arbeit, Gesundheit, Soziales, Familie und Integration, Hamburg

Dirk Bange

Kita-Autorin Laura Feldkamp
Referentin für Gewaltprävention im Kindesalter (GiK), Kinder- und Jugenddelinquenz (Dipl. Soz.Päd, Kriminologin M.A.)

Laura Feldkamp

Kita-Autorin Yvonne Scharfenberg
Referatsleitung Sozialbehörde Hamburg

Yvonne Scharfenberg

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