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Recht & Verwaltung20 September, 2021

Die Zusammenarbeit von Schulaufsicht und Schulleitung fördern

von Anna Margarete Davis und Anne Stienen

Ergebnisse und Erfahrungen aus dem Programm »LiGa – Lernen im Ganztag«

Wie können Schulleitungen und Schulaufsicht die Qualitätsentwicklung von Ganztagsschulen gemeinsam unterstützen – und was brauchen sie dafür? Dies ist eine zentrale Frage, auf die das Programm »LiGa –Lernen im Ganztag« Antworten geben möchte.

Die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung und die Stiftung Mercator haben das länderübergreifende Programm 2015 initiiert, um die Qualitätsentwicklung von Ganztagsschulen zu fördern und einen Beitrag zu mehr Chancengleichheit zu leisten. In der ersten Programmphase (2016 bis 2019) nahmen rund 300Ganztagsschulen und 78 Mitarbeitende der Schulaufsicht aus Berlin, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein daran teil. Die Partner in den beteiligten Ländern –Bildungsministerien und Landesinstitute – waren von Beginn an eng in die Konzeption und Umsetzung eingebunden. Jede Schule hat in dieser Phase ein selbstgewähltes Entwicklungsvorhaben zum individualisierten Lernen umgesetzt. Davon sollen insbesondere bildungsbenachteiligte Schülerinnen und Schüler profitieren.

Der besondere Ansatz des Programms besteht darin, das Miteinander von Schulaufsicht und Schulleitung zu stärken. Ihre Zusammenarbeit – so die These des Programms – kann die Qualitätsentwicklung von Ganztagsschulen voranbringen. In der zweiten Programmphase (2020 bis 2024) rückt dieses Thema noch stärker in den Fokus.

Evaluationsergebnisse aus der ersten Programmphase

Im Programm »LiGa – Lernen im Ganztag« fand zwischen 2015 und 2019 eine wissenschaftliche Programmevaluation statt, durchgeführt vom Zentrum für Qualitätssicherung und -entwicklung (ZQ) an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Über Interviews und Gesamtbefragungen holte das ZQ die Erfahrungen und Einschätzungen von Vertreterinnen und Vertretern der Schulaufsicht sowie Schulleitungen ein. Zusätzlich wurden Fallstudien von zehn ausgewählten Schulen erstellt.

Vertrauen und Zusammenarbeit

Ein Fokus der Programmevaluation lag auf der Zusammenarbeit von Schulleitung und Schulaufsicht. Die Befragungen zeigen: Die Mehrheit der Schulleitungen war bereits vor dem Programm mit der Zusammenarbeit zufrieden. Diese Zufriedenheit war vor allem dann ausgeprägt, wenn die Zusammenarbeit als unterstützend, partnerschaftlich und unbürokratisch erlebt wurde. Schulleitungen, die bei der Umsetzung ihrer Ziele in LiGa von ihrer Schulaufsicht unterstützt wurden, waren zudem signifikant zufrieden mit der Umsetzung ihres Entwicklungsvorhabens.

Weitere Ergebnisse der Befragungen, an denen etwa 150 Schulleitungen und mehr als 30 Mitarbeitende der Schulaufsicht teilgenommen haben, sind die folgenden:

  • Verbesserte Zusammenarbeit: Die Zusammenarbeit von Schulaufsicht und Schulleitungen hat sich positiv verändert. 68 Prozent der befragten Schulaufsichten und 35 Prozent der Schulleitungen geben an, dass sich ihr Vertrauensverhältnis verstärkt hat.
  • Gelungener Perspektivwechsel: LiGa verstärkt die Auseinandersetzung mit der jeweils anderen Perspektive. 43 Prozent der Schulleitungen geben an, ihre Schulaufsicht im Rahmen der Zusammenarbeit in LiGa auf Probleme aufmerksam machen zu können, und fühlen sich bei der Umsetzung ihrer Ziele unterstützt. Im Frühjahr 2018 hat fast die Hälfte der befragten Mitarbeitenden der Schulaufsicht stärker als 1 Jahr zuvor den Eindruck, dass Schulleitungen in der Lage sind, auch die Perspektive der Schulaufsicht einzunehmen.
  • Mehr Handlungssicherheit: LiGa hat bereits bis zur Befragung im Frühjahr 2018 die Schulaufsicht in ihrem Tun gestärkt. Die Hälfte der befragten Schulaufsicht hat im Rahmen von LiGa dazugelernt, wie sie sich effektiver in Qualitätsentwicklungsprozesse an den von ihnen betreuten Schulen einbringen kann.

Themen der Zusammenarbeit

Auch die Themen der Zusammenarbeit haben sich verändert. Schulleitungen sowie Vertreterinnen und Vertreter der Schulaufsicht haben in einer Eingangs- und einer Abschlusserhebung jeweils eingeschätzt, welche Bedeutung ausgewählten Themen in ihrer Zusammenarbeit zukommt. Die beiden befragten Gruppen haben die Themenbereiche zu Beginn von LiGa sehr unterschiedlich bewertet, wie die folgende Grafik zeigt:

Schulleitungen nannten eingangs vor allem Aspekte, welche die Schulaufsicht in eine eher traditionelle Aufsichts- und Kontrollfunktion einordnete. Mitarbeitende der Schulaufsicht sahen darüber hinaus auch weitere Themen – wie die Begleitung von Qualitätsentwicklung – als bedeutsam an. Beide Gruppen hatten sich bereits im Jahr 2017 gewünscht, dass der beratende Aspekt künftig eine größere Rolle spielen sollte ,z.B. in den Bereichen Entwicklung individualisierter Lernformen und Ganztag, Netzwerkarbeit und Qualitätssicherung mit anderen Schulen. Aus Sicht der Schulaufsicht ist ihre beratende Rolle im Laufe von LiGa tatsächlich stärker geworden.

Einen erkennbaren Bedeutungszuwachs in der Zusammenarbeit gab es im Bereich der Planung von Personal-, Sach- und Finanzmitteln sowie beim Thema Qualitätssicherung. Für mehr als ein Viertel der befragten Schulaufsicht ist zudem die Netzwerkarbeit mit anderen Schulen ein wichtigerer Bestandteil der Zusammenarbeit geworden.

Die interviewten Schulaufsichtspersonen haben eine klare Vorstellung von möglichen Maßnahmen, die ihre Zusammenarbeit mit den Schulen in Zukunft deutlich verbessern oder zumindest erleichtern könnten. Mit Abstand am häufigsten wurde dabei genannt, dass sie mehr Zeit für die Betreuung der einzelnen Schulen brauchen, damit sie auch wirklich beratend tätig sein können.

Angebote des Programms – Erfahrungen von Teilnehmenden

Inwiefern konnte das Programm »LiGa – Lernen im Ganztag« den Mitarbeitenden der Schulaufsicht konkret bei der Unterstützung von Schulentwicklung an ihren Schulen helfen? Als Antwort auf diese Frage nannten Schulaufsichten vor allem die Fortbildung zur Systemischen Beratung und den Input durch Expertinnen und Experten, Kolleginnen und Kollegen oder andere Schulen.

Fortbildung für die Schulaufsicht: Systemische Beratung

In vielen Ländern ist die Beratung von Schulleitungen zu Fragen der Schulentwicklung fest im Aufgabenprofil der Schulaufsicht verankert. Wichtig ist, in der Rolle klar zu sein, in der die Mitarbeitenden der Schulaufsicht mit der Schulleitung im Gespräch sind.

Um erfolgreich beraten zu können, benötigen Mitarbeitende der Schulaufsicht neben Rollenklarheit und-transparenz das entsprechende Handwerkszeug. Im Rahmen von »LiGa – Lernen im Ganztag« haben in Hessen, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein Mitarbeitende der Schulaufsicht daher an Fortbildungen zu Systemischer Beratung teilgenommen.

»Man macht vielleicht instinktiv immer viel richtig – der eine mehr, der andere weniger. Aber es ist jetzt für mich ganz anders, nachdem ich die Systemische Beratung so intensiv erlebt habe, mir klarzumachen: In welcher Rolle sitze ich hier gerade? Was ist mein Auftrag und wann verlasse ich den? Es fängt an, dass es mir bewusst ist und auch meinem Gegenüber«, sagt Schulrätin Katrin Thomas, die in Schleswig-Holstein an der Fortbildung teilgenommen hat.

In Sachsen-Anhalt absolvierte die schulfachliche Referentin Antje Fritzsche von 2017 bis 2019 eine Ausbildung zur Systemischen Organisationsberaterin. Die Ausbildung war in acht Module unterteilt – von den Grundlagen der Beratung über die Moderation in Konflikten bis hin zum Abschlusscolloquium. Vierteljährlich fanden zudem zweitägige Seminare und Workshops statt.

Antje Fritzsche berichtet: »Ich kam als Schulleiterin in die Schulaufsicht und habe dort ein ganz anderes Beziehungsgefüge vorgefunden. Bei meinen ersten Beratungen mit Schulleitungen fühlte ich mich immer noch in der Rolle als Schulleiterin, die weniger berät, sondern eher sagt, was sie in dieser Situation machen würde. Das hat sich im Laufe der Zeit geändert, als mir klar wurde, welche Aufgaben ich habe: Beraten, Begleiten und vor allem Unterstützen – und zwar aus Sicht der Schulaufsicht.

Organisationsberatung findet im beruflichen Kontext immer statt. Wir konnten bei der Fortbildung konkrete Fälle mitbringen und gemeinsam eine Lösungsstrategie entwickeln. Das war alles sehr praxisorientiert. Die Reflexionsfähigkeiten sind geschärft worden.«

Gemeinsame Angebote für Schulaufsicht und Schulleitung

In einigen Bundesländern nahmen die Mitarbeitenden der Schulaufsicht in den ersten Jahren an den Netzwerktreffen »ihrer« Schulen teil. In den Netzwerken bearbeiteten die Schulteams ihre konkreten Projekte zum individualisierten Lernen, tauschten sich aus und erhielten fachlichen Input. Darüber hinaus gab es Formate, die sich gezielt und bewusst gemeinsam an Schulaufsicht und Schulleitungen richteten.

In Sachsen-Anhalt startete 2016 die jährlich stattfindende Führungskräfteakademie. Sie ist ein Forum für den schulformübergreifenden Austausch zwischen Führungskräften an Schulen und in der Schulaufsicht. Im Mittelpunkt steht dabei die Wirksamkeit des Leitungshandelns für die Qualitätsentwicklung von Lehr- und Lernprozessen. Die Akademie ist integraler Bestandteil der Qualifizierungsangebote für alle Schulleitungsmitglieder und schulfachlichen Referentinnen und Referenten, die am Programm »LiGa –Lernen im Ganztag« teilnehmen.

In Schleswig-Holstein fanden in der ersten Programmphase sogenannte Salons für Schulaufsicht und Schulleitungen statt. Dabei widmeten sie sich gemeinsamen Aspekten der Qualitätsentwicklung und Steuerung und erhielten Inputs oder Trainings. Auch gemeinsame Exkursionen mit Schulbesuchen und fachlichen Impulsen fanden statt, zum Beispiel nach Aarhus in Dänemark oder Oslo in Norwegen.

Schulrätin Katrin Thomas resümiert: »Wir mussten erst mal aus dem festgefahrenen Blick, den wir aufeinander hatten, rauskommen. Dafür war der Rahmen in LiGa gegeben. So konnten wir aufeinander zugehen und schauen: Was erwarten wir eigentlich voneinander? Und was erwarten vor allem die Schulleitungen? Was brauchen sie und wie können wir dabei unterstützen? Dass wir das wollen, war für viele Schulleiter so ein Erlebnis. Nachdrücklich zu spüren: Mein Schulrat, der steht an meiner Seite.«

Fazit und Ausblick

Mit der engen Einbindung der Schulaufsicht in ein länderübergreifendes Schulentwicklungsprogramm haben die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung und die Stiftung Mercator Neuland betreten. Die Evaluationsergebnisse bestätigen, dass dies ein fruchtbarer Ansatz ist.

Das Programm bietet Schulaufsicht und Schulleitungen Möglichkeiten, sich in einem neuen Kontext zu begegnen, einander besser kennenzulernen, Erwartungen abzugleichen und Vertrauen aufzubauen. Diese Beziehungsebene ist enorm wichtig, wenn beide Seiten gemeinsam die Qualitätsentwicklung voranbringen möchten.

Auch die Fortbildung für Mitarbeitende der Schulaufsicht stößt auf besonders positive Resonanz, denn der viel beschriebene Rollenwandel erweitert ihre Funktionen und Handlungsoptionen. Fortbildungsangebote und der kollegiale Austausch untereinander tragen dazu bei, ein professionelles Selbstverständnis zu entwickeln und das Handlungsrepertoire zu erweitern.

Die zweite Programmphase (2020 bis 2024) knüpft an die erste Phase an: Erfolgreiche Maßnahmen, Strukturen und Module aus »LiGa – Lernen im Ganztag« werden in den teilnehmenden Ländern vertieft, verbreitet und verstetigt. Unter anderem geht es darum, Fortbildungsangebote für die Schulaufsicht im staatlichen Regelsystem zu verankern. Auch die externe Programmevaluation wird fortgesetzt. Damit ist der Weg geebnet für weitere Ergebnisse und Erfahrungen zur Zusammenarbeit von Schulaufsicht und Schulleitung.

• Das Onlineportal für die Schulaufsicht: www.schulaufsicht.de
• Die Website des Programms: www.lernen-im-ganztag.de
Anna Margaret Davis
Programmleitung »LiGa – Lernen im Ganztag« der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung

Anna Margarete Davis

Anne Stienen
Programm »LiGa – Lernen im Ganztag« der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung

Anne Stienen

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