krisengespräch_kinder
Recht & Verwaltung24 Januar, 2023

Ein Blick in die Praxis: Über den Umgang mit Krisen in Kindertageseinrichtungen

Heike Huf , Bildungs- und Sozialmanagement (BA), Erzieherin, Referentin, Fachberatung für kommunale Kindertageseinrichtungen der Stadt Bad Kreuznach.

In der Erforschung der in den aktuellen Krisen verfolgten Handlungsstrategien von Fachkräften in Kindertageseinrichtungen wurden Erfahrungswerte benannt, die nun exemplarisch anhand von Ausschnitten aus einem Interview mit Kitaleiterin Mirian Welten (BA Bildungs- und Sozialmanagement, Erzieherin) aufgezeigt werden.

Sie gewährt uns einen Einblick in ihren Kita-Alltag und erläutert, wie ihre Kita mit dem Thema Krieg und Frieden umgeht. Mirian Welten fokussiert hierbei sowohl die Fachkräfte als auch die Familien und Kinder und berichtet davon, welche Erfahrungen gemacht wurden und welche Initiativen ins Leben gerufen wurden, um mit diesen Unsicherheiten gut umzugehen. Nachfolgender Darstellung liegt die Struktur des Ansatzes Qualitätsentwicklung im Diskurs (QID) zugrunde, welcher aus den drei Säulen gemeinsam beobachten, gemeinsam entwickeln und gemeinsam handeln und aus Rückkopplungsschleifen besteht. (vgl. Autor:innengruppe IBEB) Dieser Ansatz eignet sich als Vorgehensweise zur Strukturierung von komplexen Handlungsfeldern und zur Qualitätsentwicklung.

Säule 1: Gemeinsam beobachten: Klären, in Bezug setzen, Bedingungen analysieren

Zu Beginn der Ukraine-Krise gab es sehr viele Unsicherheiten bei den Fachkräften, aber auch bei den Eltern. Da die Kita Pappelweg mit ihren 105 Plätzen einen Querschnitt der Bevölkerung abbildet, befinden sich in der Kita Familien aus »allen Teilen der Welt«. Einige Familien haben Angehörige im Kriegsgebiet bzw. in Grenznähe. Eine Familie hat in ihrer Wohnung einer ukrainischen Familie Zuflucht gewährt. Die Kinder erzählten davon in der Kita und wollten die ukrainischen Kinder mit in die Kita bringen. Da dies aufgrund der fehlenden Plätze nicht umsetzbar war, wollten die Kinder auch nicht mehr in die Kita gehen, damit die ukrainischen Kinder nicht alleine zuhause bleiben müssen. Die Gastfamilie ist dringend auf eine Kinderbetreuung angewiesen, da die Eltern von Deutschland aus bei ihren ukrainischen Arbeitgeber:innen im Homeoffice weiterarbeiten.

Somit wurde die Ukraine-Krise sehr früh in der Kita präsent. Es gab gleich zu Beginn der Ukraine-Krise mehrere Anfragen von besorgten Eltern an die pädagogischen Fachkräfte darüber, wie die Eltern ihre Kinder mit dem was sie erleben und aus den Medien mitbekommen, begleiten können. Insbesondere wurde danach gefragt, wie sie die Ängste der Kinder auffangen können. Spürbar, aber nicht konkret greifbar war ein gewisses »Unwohlsein « bei den russischen Familien. In Gesprächen mit den Familien darüber ergab sich der Wunsch nach Neutralität. Sie waren besorgt darüber, dass man ihnen aufgrund ihrer Herkunftsnationalität distanzierter begegnen könnte, weil man ihnen eine Mitschuld am Krieg gibt. Sie betonten, dass sie in Deutschland leben und mit der aktuellen Situation nichts zu tun haben und dass sie den Krieg gegen die Ukraine nicht gutheißen. Nichtsdestotrotz waren die Fachkräfte darüber besorgt, als ein Kind im Morgenkreis von seiner Angst erzählte, die es um die eigene Oma hat, die direkt an der Grenze zur Ukraine lebt. Den Eltern gelang es nicht immer ihre Emotionen zu verbergen und so beschäftigte sich das Kind mit den Aussagen, die es hörte und machte sich Sorgen. Dieses Kind berichtete, dass sich die Oma zum eigenen Schutz in ihrem Haus verbarrikadiert. Das Kind erzählte davon in der Kita und versuchte das alles zu begreifen –voller Angst um seine Oma. Weitere Fachkräfte berichteten von Kriegswaffen, die von den Kindern detailgetreu gemalt würden und davon, dass die Kinder die Funktion der Waffen genau benennen könnten. Einige Kinder schreiben den Namen Putin auf ihre Malblätter und sagten: Putin ist böse.

Säule 2: Gemeinsam entwickeln: Positionieren und ausrichten, Ziele vereinbaren, Erfolgsindikatoren benennen

Dies alles war für Mirian Welten Anlass mit ihren Fachkräften darüber ins Gespräch zu gehen. Die Teambesprechung über die eigenen Ängste und Unsicherheiten der Fachkräfte und über den Umgang mit der aktuellen Krise im Haus fokussierte sehr deutlich die Rolle des Trägers in diesem Zusammenhang. Direkt im Anschluss wandte sich Mirian Welten an den Träger und holte sich die »Rückendeckung « ein, im Umgang mit den Krisenthemen. Auch um eventuellen Elternbeschwerden entgegentreten zu können, die das Thema von ihren Kindern fernhalten möchten und es nicht wünschen, dass das Thema in der Kita behandelt wird. Das Unwohlsein der russischen Familien im Hinblick auf eventuelle herkunftsbedingte Vorbehalte bestand auch in der Mitarbeiter:innenschaft, wurde thematisiert und konnte direkt positiv aufgelöst werden. Im Team wurde entschieden, das Wort Krieg im Kitaalltag bei den Kindern nicht auszusprechen, sondern im Haus eher von Streitigkeiten und Konflikten zu sprechen. Je nach Alter des Kindes sollte das Thema unterschiedlich differenziert aufgegriffen werden. Keinesfalls sollte die Ukraine-Krise als Thema vorgegeben werden, sondern nur dann aufgegriffen werden, wenn es von den Kindern selbst oder aus der Elternschaft an sie herangetragen wird. Dies erforderte ein sensibles Erspüren der Stimmungen sowie eine aufmerksame Beobachtung der Kinder. Die Begleitung der Kinder bei wahrgenommen Bedarf wurde als aktuell erforderliche Aufgabe für alle Fachkräfte fokussiert. In der Vorschulgruppe sollte die Ukraine-Krise aufgegriffen werden, da es dort verstärkt von den Kindern thematisiert wurde.

Säule 3: Gemeinsam handeln: Veränderung gestalten, Bewährtes bestätigen, Offenbleiben für Neues

Für die Fachkräfte wurde aktuelle Literatur zum Thema Krieg, Frieden, Streit und Flucht zur Verfügung gestellt. Darunter war auch explizite Fachliteratur, um die Fachkräfte im Hinblick auf die Elternbedarfe zu stärken. Auch für die Kinder wurden zeitnah weitere Bücher zu diesem Themenkomplex zugänglich gemacht. Da es recht schnell dazu kam, dass Sachspenden in die Kita gebracht wurden, kommunizierten die Fachkräfte mit den Kindern verstärkt das Thema »Teilen«.

Rückkopplungsschleife: Was hat sich bewährt und etabliert?

Auf die Frage nach Friedenserziehung als päd. Intervention benannte Mirian Welten, dass alles, was in der Kita schon bei den Kleinsten gelebt wird, dazu hinführt. Auch wenn es nicht explizit benannt wird, so geht beim sozialen Lernen um das sich vertragen, um das Teilen und darum miteinander gut zu leben. Die Kinder lernen in der Kita ihre Konflikte zu klären, indem sie ihre eigenen Grenzen (er)kennen lernen, ihren eigenen Radius finden und es akzeptieren, wenn das Gegenüber andere Grenzen hat.

Partizipation ist Demokratieerziehung und Friedenserziehung

Eine verbindliche Kommunikation auf Augenhöhe mit allen Menschen in der Kita, ob Kinder, Eltern oder Fachkräfte, ist einem friedlichen Miteinander zuträglich. Es geht in der Kita immer auch darum die eigenen Themen anzusprechen und auch darum, Selbstwirksamkeit zu erleben. Der Anti-Bias-Ansatz, Beteiligungsmöglichkeiten für Kinder und Partizipation werden in der Kita Pappelweg täglich gelebt. Konflikte unter Kindern werden in der Kita besprochen und Eltern werden darüber zwar in Kenntnis gesetzt, aber gebeten, zuhause keine weiteren »Sanktionen« auszusprechen. Die eingeführten FAKIP bringt diese Alltagsroutinen erneut in den Fokus der Arbeit, was Mirian Welten sehr begrüßt. Mirian Welten betont, dass die aktuelle Krise nicht zu veränderten Verhaltensweisen in der Kita führt, sondern vielmehr, dass die Kita als Lernende Organisation aus den Unzulänglichkeiten der Flüchtlingskrise aus der Zeit um 2016 gelernt hat.

Die damals gemachten Erfahrungen führten dazu, dass sie heute schneller, sensibler und professioneller mit den aktuellen Herausforderungen umgehen können. Heute holt sich Frau Welten schneller Hilfe, z.B. durch Übersetzer und sie benennt, dass sie für ihr Haus den Auftrag der Familienbegleitung sehr viel stärker fokussiert. Zudem erklärt Mirian Welten, dass sie aktuell bei sich selbst und den Fachkräften eine stärkere emotionale Betroffenheit spürt als damals. Möglicherweise deshalb, weil es in Europa geschieht und die Öffentlichkeit auch anderes mit der Ukraine-Krise umgeht. Appell an die Politik Friedenspädagogik ist Alltagsgeschäft in Kitas so Welten, aber es ist auch die Frage nach Wollen, Können und Dürfen, womit ein Blick auf die Rahmenbedingungen geworfen wird. Die aktuellen Rahmenbedingungen nach all diesen Krisen der vergangenen Jahre schränken die Fachkräfte erheblich ein in dem, was sie fachlich und habituell können und wollen. Häufig nehmen die Fachkräfte sehr einfühlsam die Sorgen der Kinder und Familien wahr, können aber aufgrund der dem Alltag nicht angemessenen Rahmenbedingungen nicht zufriedenstellend reagieren. Weshalb an dieser Stelle ein deutliches Signal an die Politik gerichtet werden muss.

Wenn wir in Zukunft demokratiefähige und friedensfähige Menschen in unserer Gesellschaft möchten, muss dies auch entsprechend gesteuert und über angemessene Rahmenbedingungen umsetzbar werden. Das aktuelle System im Elementarbereich braucht eine verstärkte Fokussierung auf pädagogische Qualität mit einer der Praxis angemessenen Fachkraft-Kind-Relation, damit es künftig nicht nur um »satt und sauber« und um reine Betreuung, sondern Bildung und Erziehung geht!

Fazit

Der Umgang mit Krisen ist dann eine Herausforderung für Kitas, wenn die personellen Ressourcen nicht gegeben sind. Friedenspädagogik in der Kita sollte als Prävention fokussiert werden. Die Frage danach, wie man Frieden spielt, beantwortet sich über Demokratieerfahrungen, Partizipation und Beschwerdemanagement für Kinder. Die in Rheinland-Pfalz implementierten Fachkräfte für Kinderperspektiven (FaKiP in den Kitabeiräten ist ein erster Schritt in die richtige Richtung.

Literatur

Arbeitsblatt: Wie spielt man Frieden? – Medienwerkstatt-Wissen © 2006–2022 Medienwerkstatt
Autorengruppe IBEB; 2020: verlag das netz; Weimar; Vielfalt leben – Haltung entwickeln – Qualität zeigen, Manual zur Qualitätsentwicklung im Diskurs.

Bildnachweis: Dragana Gordic/stock.adobe.com
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