Eine Kinderkonferenz steht dafür, Kindern eine Stimme zu geben. Doch allein schafft sie keine demokratische Begegnungskultur. Es braucht ein Gesamtkonzept, das auch Formate wie beispielsweise den Morgenkreis einbezieht und Kinderrunden als gemeinsame Beteiligungs-, Beziehungs- und Schutzpraxis versteht.
Jessica Schuch
Wie Kinderkonferenzen, Morgenkreise & Co. gemeinsam echte Beteiligung ermöglichen
Die wachsende Bedeutung von Gremienarbeit mit Kindern zeigt sich insbesondere im Kontext früher
Demokratiebildung und institutionellen Kinderschutzes. Formate wie Kinderkonferenzen, Kinderräte oder Kinderparlamente eröffnen Kindern Möglichkeiten, sich einzubringen, Beschwerden zu äußern und an Entscheidungen teilzuhaben. Gleichzeitig zeigt sich im Kita-Alltag, dass Kinderkonferenzen häufig hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben, weil sie auf Abstimmungen und Mehrheitsfindung reduziert werden. Dabei geht es in der Demokratie weniger um Mehrheiten als um Beziehung und Verständigung. Bleibt zu wenig Raum für Meinungsbildungs- und Verständigungsprozesse auf der Sprach- und Handlungsebene der Kinder, können sie sich schlechter beteiligen. In der Folge erhalten nicht alle Zugang zu Themen oder finden mit ihren Ausdrucksformen Gehör. Dies wird zusätzlich verstärkt, wenn Kinder auch in anderen Kinderrunden kaum beteiligt werden und ihre Beteiligungs- und Begegnungsfähigkeit nicht ausreichend gestärkt wird.
Kinderschutz ist demokratisch und inklusiv
Kindern eine Stimme zu geben, ist keine freiwillige pädagogische Entscheidung, sondern gemäß § 45 Absatz 2 Nr. 4 SGB VIII eine gesetzliche Verpflichtung. Die Frage ist also nicht, ob Kinder beteiligt werden, sondern wie ernsthaft dies geschieht und das zeigt sich maßgeblich in der gelebten Begegnungskultur einer Kita. Zu dieser gehören sowohl alltägliche 1:1-Interaktionen zwischen Kindern und Fachkräften als auch gruppenbezogene Formate wie Kinderrunden. Diese können einen wichtigen Beitrag leisten, weil sie den Perspektiven der Kinder Raum geben und sie als Expert*innen ihrer eigenen Erfahrungen anerkennen. Wie die jüdische deutsch-US-amerikanische politische Theoretikerin Hannah Arendt (1906 – 1975) betont hat, entsteht Macht auch aus der Fähigkeit, sich mit anderen zusammenzuschließen (vgl. Liebel 2020, S. 14). Diese Fähigkeit gilt es in der Kita zu unterstützen, indem Kinder Möglichkeiten erhalten, sich zu versammeln, ihre Perspektiven auszutauschen und gemeinsame Positionen zu entwickeln. Ob Kinderrunden im Sinne des Kinderschutzes wirksam sind und gelingende Beziehungen fördern, hängt jedoch auch davon ab, inwiefern die einzelnen Formate die Werte einer demokratischen Begegnungskultur widerspiegeln. Kinderkonferenzen, Morgenkreise, Mittagskreise, Abschlussrunden & Co. stehen nicht isoliert nebeneinander. Sie beeinflussen und unterstützen sich gegenseitig in ihrer Wirkung.
Was im Morgenkreis passiert, wirkt in die Kinderkonferenz hinein
Wird der Morgenkreis beispielsweise sehr »traditionell« gestaltet und widersprechen die dortigen Praktiken den Prinzipien von Kinderrechten und Partizipation, kann sich das unmittelbar darauf auswirken, wie Kinder sich in der Kinderkonferenz verhalten. Haben Kinder im Morgenkreis gelernt, sich durch Nicht-Engagement anzupassen, fällt es ihnen möglicherweise schwerer, sich in Kinderkonferenzen aktiv einzubringen. Sie sind es dann eher gewohnt, sich zurückzuhalten oder Antworten zu geben, von denen sie annehmen, dass Erwachsene sie hören wollen, wie z.B. beim Aufsagen der »richtigen« Wochentage, ohne dabei wirklich in Kontakt mit sich selbst und anderen zu sein. Besonders deutlich wird der Widerspruch, wenn Kinder einerseits in Kinderkonferenzen gehört und beteiligt werden, andererseits jedoch im Morgenkreis demütigende oder grenzverletzende Erfahrungen machen. Werden Interaktionen dort nicht an die Bedürfnisse der Kinder angepasst, untergräbt dies die Glaubwürdigkeit partizipativer Ansätze und lässt Kinderkonferenzen letztlich ins Leere laufen.
Kinderrunden werden inklusiv, wenn Partizipation vielfältig verstanden wird
Der individuellen Entwicklung und dem Wohlbefinden jedes Kindes gerecht zu werden, ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Umso wichtiger ist es, Partizipation als vielfältig zu verstehen und differenziert zu betrachten. Mit Blick auf Inklusion wird deutlich, dass Beteiligungsbedürfnisse von Kindern unterschiedlich sein können. Kinder unterscheiden sich in ihren Entwicklungsaufgaben, Verhaltensweisen und Ressourcen. Manche sind noch dabei, sich in eine Gemeinschaft einzufinden. Sie fühlen sich vielleicht noch nicht sicher, sich zu zeigen, und lernen andere erst kennen. Ihre Aufmerksamkeit richtet sich möglicherweise noch stärker auf persönliche Anliegen, sodass in dieser Phase vor allem soziale Partizipation im Vordergrund steht. Andere hingegen gestalten bereits aktiv mit, treffen Entscheidungen und interessieren sich für Themen mit größerer Reichweite oder gemeinschaftlichem Bezug. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass eine Kinderkonferenz mit ihrem eher politischen Charakter, also dem kollektiven Aushandeln von Entscheidungen, für sich genommen weder eine tragfähige Beteiligungskultur noch eine demokratische Begegnungskultur schaffen kann. Sie wird den unterschiedlichen Zugängen der Kinder allein nicht gerecht. Gleichzeitig hat jedes Kind das Recht auf demokratische Mitbestimmung, Schutz und die Möglichkeit, sich zu beschweren sowie in seinen Rechten gefördert und begleitet zu werden. Deshalb lässt sich auch nicht einfach sagen, Kinder seien »noch nicht reif« für eine Kinderkonferenz, denn es sind nicht die Kinder, die sich an das Format anpassen müssen. Es ist die Kinderkonferenz, die mit dem Anspruch zu gestalten ist, den unterschiedlichen Bedürfnissen der Kinder gerecht zu werden. Eine wesentliche Voraussetzung dafür ist ihre Einbettung in eine gelebte Begegnungskultur, die Kinder ganzheitlich darin stärkt, sich einzubringen. Daraus
folgt schließlich, dass Kinderrunden in einem Gesamtkonzept als Beteiligungs-, Beziehungs- und Schutzpraxis in der Kita zu denken sind, das unterschiedliche Formen von Partizipation bewusst unterscheidet und aufeinander bezieht.
Kinderkonferenzen und Morgenkreise: Partizipation in verschiedenen Facetten
Welche Formen von Kinderrunden benötigt werden, um eine demokratische Begegnungskultur zu unterstützen, lässt sich nicht pauschal beantworten. Jedes Kita-Team muss für sich klären, welche Formate für die Kinder der Einrichtung besonders bedeutsam sind und wie diese sinnvoll aufeinander abgestimmt werden können. So kann der Morgenkreis als Raum sozialer Partizipation verstanden werden, in dem vor allem das Gemeinschaftsgefühl sowie die Beziehungen zwischen den Kindern und zu den Fachkräften gestärkt werden. Die Kinderkonferenz hingegen kann eine Struktur für demokratische Partizipation bieten, in der Kinder zu Beteiligungsthemen Perspektiven austauschen und gemeinsam Entscheidungen treffen. Beide Formate zielen somit darauf ab, die Beteiligung der Kinder zu ermöglichen, jedoch auf unterschiedliche Weise und mit verschiedenen Schwerpunkten. Zudem stehen sie in Wechselwirkung miteinander: Der Morgenkreis schafft die Grundlage für ein einfühlsames Gruppenklima, das Kinderkonferenzen benötigen. Die Kinderkonferenz wiederum kann die Ziele des Morgenkreises weiter stärken, indem Kinder gemeinsam an Themen, Projekten und Entscheidungen arbeiten und sich als handlungsfähige Gemeinschaft erleben.
Fazit
Solange Kinder in manchen Kinderrunden beteiligt werden und in anderen Anpassung und Gehorsam erfahren, bleibt Partizipation widersprüchlich. Echte Partizipation braucht konsistente Beziehungserfahrungen im Alltag. Erst wenn Kinderkonferenzen, Morgenkreise & Co. zusammengedacht und gelebt werden, entsteht die Grundlage dafür, das Versprechen von Partizipation einzulösen: Kindern eine Stimme zu geben.
Aus: KiTa aktuell 07-08/2026.